6.10.09

Der "Fall" Thilo Sarrazin: Einige Fakten und Materialien. Über die Freiheit des Wortes und die Liberalität unserer Gesellschaft

Ich habe das Gespräch mit Thilo Sarrazin in der aktuellen Ausgabe (Heft 86; 3/2009) von Lettre International nicht gelesen. Ich vermute, daß es mir damit so geht, wie den meisten, die sich gleichwohl dazu geäußert haben.

Im Internet sind nur Auszüge aus dem Gespräch zu finden: Auf der WebSite von Lettre International sowie in einigen Blogs. Das Heft zu kaufen ist mir bisher nicht gelungen. Die Nachfrage ist naheliegenderweise höher, als es bei dieser Zeitschrift sonst der Fall ist.

Also will ich mich zu dem Gespräch selbst nicht äußern; sondern nur zur öffentlichen Reaktion darauf.

Diese ist, soweit ich sie verfolgt habe, durch zwei Merkmale gekennzeichnet:
  • Erstens durch eine große Einförmigkeit; nämlich einen Gestus des Empörtseins, verbunden mit der persönlichen Herabsetzung von Sarrazin. Ich möchte deshalb einige Stimmen zitieren, die diese Einförmigkeit durchbrechen.

  • Zweitens beschränken sich fast alle Kommentatoren auf einige wenige Sätze von Sarrazin, ohne Berücksichtigung des Zusammenhangs. Ich möchte deshalb den Zusammenhang verdeutlichen.
  • Repräsentativ für diese überwiegende öffentliche Reaktion ist der Kommentar von Ulrich Schäfer in der gestrigen "Süddeutschen Zeitung":
    Eigentlich darf sich über Thilo Sarrazin und sein unsägliches Interview, in dem er die in Berlin lebenden Ausländer beschimpft und beleidigt hat, niemand wundern. (...) Jeder hätte wissen können: Wer Sarrazin in den Bundesbank- Vorstand schickt, könnte genauso gut auch Hape Kerkeling zum Bundesverfassungsrichter ernennen.
    Das steht nicht in einem Boulevardblatt, sondern in einer als seriös geltenden Tageszeitung. Ulrich Schäfer ist auch nicht irgendein Journalist, sondern der Chef des Ressorts Wirtschaft jener Zeitung.



    In welchem Kontext hat Sarrazin das geäußert, was Autoren wie Schäfer zu derart herabwürdigenden Kommentaren motiviert?

    Es handelt sich um einen Beitrag zu einem Sonderheft der Zeitschrift Lettre International, das dem Thema "Berlin" gewidmet ist ("Berlin auf der Couch"). Das Editorial zu diesem Heft finden Sie hier und das Inhaltsverzeichnis des Heftes hier.

    Einer von Dutzenden Beiträgen zu diesem Heft ist das Gespräch mit Sarrazin; keineswegs zum Thema "Ausländer", sondern eben zum Thema Berlin. Titel: "Thilo Sarrazin im Gespräch: Klasse statt Masse. Von der Hauptstadt der Transferleistungen zur Metropole der Eliten".

    Wie, sagen wir, wuchtig, wie fakten- und gedankenreich Sarrazin argumentiert, davon gibt der längere Auszug bei Lettre International einen Begriff; eine von mir kommentierte Passage daraus finden Sie in "Zettels kleinem Zimmer".

    Es geht um die Chancen Berlins, auch die verpaßten; es geht um die Probleme der Stadt. Und in diesem Kontext formuliert Sarrazin das, was ihm nun so vorgehalten wird, als hätte er eine verbale Todsünde begangen.

    Im Blog der Berliner Rechtsanwalts- Kanzlei Hoenig (Juristen interessieren sich für den Vorwurf der Volksverhetzung) findet man diese Sätze in ihrem Kontext:
    Man muss aufhören, von ‚den’ Migranten zu reden. Wir müssen uns einmal die unterschiedlichen Migrantengruppen anschauen. Die Vietnamesen: Die Eltern können kaum Deutsch, verkaufen Zigaretten oder haben einen Kiosk. Die Vietnamesen der zweiten Generation haben dann durchweg bessere Schulnoten und höhere Abiturientenquoten als die Deutschen. Die Osteuropäer, Ukrainer, Weißrussen, Polen, Russen weisen tendenziell dasselbe Ergebnis auf. (...)

    Bei den Kerngruppen der Jugoslawen sieht man dann schon eher ‚türkische’ Probleme; absolut abfallend sind die türkische Gruppe und die Araber. Auch in der dritten Generation haben sehr viele keine vernünftigen Deutschkenntnisse, viele gar keinen Schulabschluss, und nur ein kleiner Teil schafft es bis zum Abitur.(...)

    In den USA müssen Einwanderer arbeiten, weil sie kein Geld bekommen, und werden deshalb viel besser integriert. Man hat Studien zu arabischen Ausländergruppen aus demselben Clan gemacht; ein Teil geht nach Schweden mit unserem Sozialsystem, ein anderer Teil geht nach Chicago. Dieselbe Sippe ist nach zwanzig Jahren in Schweden immer noch frustriert und arbeitslos, in Chicago hingegen integriert. Der Druck des Arbeitsmarktes, der Zwang des Broterwerbs sorgen dafür. (...)

    Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.
    Das sind nur wenige Auszüge; ich empfehle Ihnen, den ganzen Text im Blog der Kanzlei zu lesen.

    Sie können sich dann ein Urteil darüber bilden, ob - wie es der SZ-Redakteur Schäfer behauptet - Sarrazin "die in Berlin lebenden Ausländer beschimpft und beleidigt hat".



    Aus dem dumpfen Chor jener, die Sarrazin verurteilen, ohne sich offensichtlich mit seinem Text befaßt zu haben, fallen einige Stimmen heraus, die anzuhören sich lohnt.

    Anhören im Wortsinn sollten Sie sich das, was Hans-Olaf Henkel gestern im Interview mit dem Deutschlandfunk ("Informationen am Mittag" vom 5.10.2009; 10.22 Uhr) angemerkt hat. Auszug:
    Ich finde es also wirklich wahnsinnig, wie die deutschen Öffentlichkeit mit Herrn Sarrazin zur Zeit umgeht. Nicht das, was er gesagt hat, ist ein Skandal. Sondern ein Skandal ist, wie die Deutschen, die meisten deutschen Medien und viele politische Vorbilder, mit ihm umgehen.
    Ähnlich, wenn auch milder, urteilte Fatina Keilani gestern im "Tagesspiegel":
    Aber wer sich aufregt, der sollte erst einmal das ganze Interview lesen. Es ist fünf Seiten lang und lässt das Bild eines realistischen, nachdenklichen Mannes erkennen, der die Lage treffend analysiert und dem bestimmte Phänomene Sorge bereiten. Er vergleicht unser System mit anderen auf der Welt, und das geht nicht immer gut für uns aus. Bei uns ist es für die Leistungsunwilligen zu gemütlich, meint Sarrazin. Man müsse ihnen mehr abverlangen, das sei auch gut für die Integration. Vielleicht ist Thilo Sarrazin kein besonders typischer Sozialdemokrat. Aber was er sagt, ist hilfreich, und es ist die Auseinandersetzung wert. Schade, dass das nicht gewürdigt wird.
    Sodann ist auf den Kommentar von Bettina Röhl gestern in "Welt- Online" hinzuweisen. Auszug:
    Was Sarrazin gesagt hat, muss jemand sagen dürfen, ohne, dass er persönlich vernichtet wird. Sarrazin hat ein Recht, mit dem was er gesagt hat, auf das Gegenargument. Und die Gesellschaft und die Bürger dieses Land haben ein Recht auf Diskussion. Die Reaktionen, die Sarrazin erzeugt hat, beweisen, dass das Thema Integration von einem gefährlichen Ungeist totgebügelt wird, obwohl es das wahrscheinlich virulenteste Thema der Gegenwart ist.
    Der Kommentar ist in einem scharfen Ton abgefaßt und für meinen Geschmack in vielen Passagen zu polemisch; aber als Gegengewicht zu dem, was in den Medien zu diesem Thema dominiert, möchte ich seine Lektüre doch empfehlen.

    Und schließlich noch ein Kommentar, der die Reaktion von Medien und Politikern in einen breiteren Kontext stellt. Volker Zastrow, der Politikchef der F.A.S., hat ihn am Samstag in FAZ.Net publiziert. Er schreibt:
    Unserer Gesellschaft scheint inzwischen etwas vorzuschweben wie ein moderierter Diskurs, in dem jeder Inhalt sich der Etikette zu beugen hat. Wobei Etikette längst in Wahrheit nicht wirklich meint, wie etwas gesagt wird, sondern was. Das erkennt man daran, dass denen, die dagegen verstoßen, sofort mit dem Berufsverbot gedroht wird, dem Strafrecht gar, dass ihnen nicht widersprochen wird, sondern dass sie nicht mehr sprechen sollen. Es soll Redefreiheit nur im Rahmen dessen geben, was man hören möchte. Der Zusammenhang zwischen Redefreiheit, Meinungsfreiheit und Demokratie: den meisten scheint er gar nicht mehr bekannt. Aber auch der zwischen offenem Wort, offenem Denken, Einsicht oder gar Umkehr.
    Leider ist das wahr. Auch hier empfehle ich, den ganzen Text zu lesen. Er macht deutlich, daß es beim Umgang mit "Fällen" wie dem von Thilo Sarrazin um nichts Geringeres geht als um die Freiheit des Worts; also um die Liberalität unserer Gesellschaft.



    © Zettel. Für Kommentare bitte hier klicken. Mit Dank an Ungelt, Gorgasal und Calimero. Die Titelvignette zeigt zwar nicht Thilo Sarrazin, von dem ich in der Public Domain kein Porträt gefunden habe, aber doch Einen aus der Hugenotten- Sippe der Sarrazin: Jean Antoine Sarrazin. Der Kupferstich stammt aus dem Jahr 1598; er wurde von Arsène Lapin fotografiert und in die Public Domain gestellt.

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