22. Mai 2017

Kleine Meldungen. Heute: Aus dem Willy-Brandt-Haus

Zu den Obliegenheiten, die mit dem Bürgerstatus einher gehen, zählen bekanntlich nicht nur -Rechte, sondern auch -Pflichten, deren oberste seit 211 Jahren bekanntlich die "Ruhe" darstellt. Als "Bürgerjournalist" (vulgo Blogger) erwächst dazu die Pflicht zur Information des geneigten wie aufrechten Publikums, falls sich die Möglichkeit bietet, der Aufklärungsarbeit gerade auch unserer öffentlich-rechtlichen Anstalten die eine oder andere hilfreiche Facette beizufügen. Da der Chronist nicht nur über ein scharfes inneres Auge verfügt, als Kompensation für eine nachgerade fledermausartige Blindnis in der stets überbewerteten Wirklichkeit verfügt, sondern auch über einen nachweisbaren Anflug von 7. Sinn - er hat, es kann auf Anfrage belegt werden, am 1. Mai exakt um 15 Uhr 45 in einem Facebook-Chat den Wahlerfolg der AfD bei den noch im Nebel des Futurs verborgenen Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen auf 7.4 Prozent taxiert - sieht er sich in der glücklichen Lage, zu einer Kleinen Meldung vom heutigen Tage Erhellendes beizusteuern.

Die folgende Meldung rauscht heute, kurz vor der Mittagszeit, kurz verstörend die hautstädtischen Medienoutlets. Unter der Headline "BOMBEN-ALARM UND WIRBEL UM PARTEIPROGRAMM: Riesen-Aufregung in der SPD-Zentrale" meldete etwa das Online-Portal der Zeitung mit den vier Großen Buchstaben:

Riesen-Aufregung in der SPD-Zentrale
SPD-Zentrale zeitweise geräumt - Quelle: Reuters
Inmitten der Beratungen des SPD-Parteivorstandes über das Regierungsprogramm für die Bundestagswahl ist am Montag die Parteizentrale in Berlin evakuiert worden. Um 9.45 Uhr wurde ein verdächtiger Gegenstand in der Poststelle des Willy-Brandt-Hauses gefunden. 
Die Mitglieder des Parteivorstandes und die Mitarbeiter versammelten sich für knapp zwei Stunden außerhalb des Gebäudes auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der Parteivorstand sollte ab 10 Uhr eigentlich abschließend über den Entwurf des Regierungsprogramms beraten, über den ein Parteitag am 25. Juni entscheidet.

Weiter hieß es gegen Mittag in der über die Stunden leicht den wechselnden Gegebenheiten angepaßten Meldung:
Die Polizei sperrte das Gebäude ab, aus dem Warnsirenen zu hören waren. 
Hier dürfte womöglich vom Zeitungsschreiber eine voreilige Verbindung insinuiert worden sein. Nach den letzten drei Landtagswahlergebnissen sollte dies für diese Partei der Normalzustand sein.

Beim folgenden Satz:
Daher standen auch Spitzengenossen wie Fraktionschef Thomas Oppermann, Generalsekretärin Katarina Barley oder Arbeitsministerin Andrea Nahles auf dem Bürgersteig.
beschlich den Chronisten das sichere Gefühl, einen Blick in die Zukunft nach dem 24. September erhascht zu haben. Ab etwa 15:00 heute Nachmittag wurde die BILD-Meldung um diese Auskunft ergänzt:

Nach BILD-Informationen soll es sich bei dem Gegenstand um einen Holzkasten handeln, der einer Spendenbox ähnelt. Aus ihm sollen zwei Drähte herausgeguckt haben. Nach einer Überprüfung durch Röntgen konnte eine Gefahr ausgeschlossen werden. „Es sah so aus, als wenn in der Tat ein paar Drähte herausragen würden“, sagte der Polizeisprecher. Ob es sich um einen Scherz gehandelt hat, müssten die weiteren Ermittlungen zeigen.
I call you fake news! Wie dem Chronisten aus gewöhnlich stets gutinformierten Kreisen versichert wurde, liegt hier eine Verwechslung vor. Bei dem "Holzkasten, aus dem Drähte herausguckten," soll es sich demnach um den Genossen Stegner gehandelt haben. Außerdem scheint der Name von Herrn Röttgen (mutwillig?) entstellt worden zu sein. Nun bleibt die Frage: welches denn nun wirklich jener verdächtige Gegenstand war, welcher bei den Genossen, und dies ganz wörtlich verstanden, die Alarmglocken schrillen ließ?

Der Chronist sieht sich hier in der glücklichen Lage, dieses Welträtsel aufzulösen:

Marginalie: Raider muss weg!

Crooked Hillary says we must call on Saudi Arabia and other countries to stop funding hate. I am calling on her to immediately return the $25 million plus she got from them for the Clinton Foundation!

Nun hat also Crooked Don nach gerade einmal 120 Tagen im Amt seine erste Auslandsreise hinter sich (zuvor hat er es nicht einmal über den Mississippi geschafft), und sie führt ihn ausgerechnet ins Land der Scheichs, wo er was getan hat? 

Er hat Saudi-Arabien und andere (islamische) Staaten aufgefordert, die Finanzierung des Terrors zu bekämpfen, und seine Tochter hat eine 100-Millionen-Dollar-Spende für ihre Stiftung eingesammelt.

白左 - oder was heißt eigentlich "linksverstrahlt" auf Chinesisch?

白左 - bái zuǒ.

Manchmal ist es hübsch, wenn man auf einen kleinen Beitrag aufmerksam wird, der durchweg erhellend ist, einen erhellenden Aspekt zu den Facetten des Rauschens der Gegenwart addiert, und den man nicht erweitern oder erläutern muß, weil er den Sachverhalt so bündig faßt, daß einem nur der Hinweis darauf bzw. die Weiterverteilung an die eigene Filterbubble obliegt. Deshalb hier ein solcher Fingerzeig auf einen dieser Fingerzeig, den Michael Klonovsky vor wenigen Tagen auf seinem wie immer lesens- und schätzenswerten Netzlog acta diurna gegeben hat.

Auf der Webseite von openDemocracy widmet sich ein Beitrag dem in chinesischen online-Foren vagabundierenden Terminus baizuo (白左), "or literally the 'white left'" (ich danke Leser *** für den Hinweis). Der Begriff sei erstmals vor etwa zwei Jahren aufgetaucht und gehöre inzwischen zu den am meisten gebrauchten "derogatory descriptions for Chinese netizens to discredit their opponents in online debates". In China kann also jemand geschmäht werden, indem man ihn als "weißen Linken" bezeichnet – ist das nicht skurril? – bzw. diesem Menschen vorwirft, wie ein solcher zu argumentieren. (acta diurna, 16. Mai 2017)
(Als kleine Anfügung sei noch bemerkt, daß es ein hübsches Erlebnis für einen - nicht allzu umtriebigen - Lernenden des Chinesischen ist, den Sinn der Hanzi unverhofft schneller zu erfassen als ihre Übersetzung oder die Transliterierung im Hanyu pinyin. Obwohl es sich um schlicht Triviales handelt: das Zeichen 白, bái gehört zur Grundausstattung der Farbbezeichnungen wie , , / schwarz, rot, gelb  und ist aufgrund der einprägsamen Strichfolge mnemotechnisch ein Selbstläufer; für 左 als Gegensatz zu 右, yòu/rechts, gilt als elementarer Dichotomie desselbe.)

17. Mai 2017

Geoffrey Bayldon, 1924 - 2017



Es gibt Schauspieler, die, obwohl sie auf eine lange Karriere, oft Jahrzehnte überspannend, zurückblicken können, es dennoch nie in die Reihe der markanten, großen Stars geschafft haben - und die trotzdem in manchen Fällen so sehr mit einer bestimmten Rolle identifiziert worden sind, daß man von einem Verschmelzen der schauspielerischen persona sprechen kann. Ihre übrige Karriere als sidekicks, als bit players, supporting actors - also als die markanten Charaktere, die den Hauptakteuren Rahmen und Kontrast verleihen, wirkt daneben nicht nur blaß, sie verschwindet auch auf dem Gedächtnis des zusehenden Publikums. Geoffrey Bayldon, der am vorigen Mittwoch im Alter von 93 Jahren gestorben ist, war so ein Fall. Für jetzt drei oder vier heranwachsende Generationen - für das hier intendierte Publikum kann eine Generation wohl mit höchstens fünf Jahren angesetzt werden - war er, nicht nur in deutschen Sprachraum, sondern auch in seiner englischen Heimat, eins mit Catweazle, dem exzentrischen, grimassierenden und so absolut starrköpfig wie inkompetenten Zauberer, der sich - 1066 and all that - durch einen wie üblich mißratenen Zauberspruch vor der Verfolgung durch normannische Soldaten nicht an einen anderen Ort, sondern eine andere Zeit hext und hinfort, das heißt 13 Folgen lang, als fish out of temporal water seinen vergeblichen Kampf gegen die Unbillen der modernen Technik ausficht.

16. Mai 2017

Friedensuschis fröhlich feifendes Fähnlein. Ein bescheidener Vorschlag



Als vor über einem Jahr an dieser Stelle vom Protokollanten der Vorschlag gemacht wurde, doch bitte die Alten Zöpfe der bundesdeutschen Corporate Identity zu entsorgen und den Gegebenheiten und Gefühlslagen des 21. Jahrhunderts anzupassen, indem man die überkommenen Hymnen dem Matmos der damnatio memoriae überantworte und sich dessen mit frischem, zeitgeistig sandgestrahltem Liedgut gegen die Unbillen der Zeit wappnen sollte, da war noch nicht abzusehen, wie schnell zu "Scherz, Satire, Ironie" (so Christian Dietrich Grabbes Titel von 1822) die tiefere Bedeutung hinzutreten und der - jawoll - Ernstfall eintreten würde. 

14. Mai 2017

Zur Wahl in NRW. Der Arbeitstag der Spin-Doktoren beginnt.

Es ist 17:07, die Zeit bei der ich den Artikel beginne. In nicht ganz einer Stunde werden die ersten Exit-Polls vorliegen, respektive unterliegen sie dann nicht mehr einem Veröffentlichungsverbot. Und in der selben Minute wird dann auch die Arbeitszeit der Spin-Doktoren beginnen.
Denn, völlig unabhängig von ihrem Ausgang, ist die Wahl in NRW eben nur eine von vielen. Und sie liegt natürlich auch im Schatten der weit bedeutenderen Bundestagswahl im Herbst. Zeit, aus dem Ergebnis das Maximale heraus zu holen.

13. Mai 2017

Wahlplakate in NRW. Zum Schluss die FDP.

Jetzt hätte ich gerne zum Abschluss ein schönes Bild von einem der Lindner-Plakate gehabt. Leider habe ich keins, was weniger daran liegt, dass es keine gäbe, sondern eher daran, dass sie nicht so sehr am Straßenrand hängen, sondern auf klassischen Plakatwänden (wo ich nicht immer vorbei komme). Die ganze Kampagne der FDP unterscheidet sich von den meisten der anderen Parteien: Sie ist erheblich professioneller. Beispiele kann man hier sehen. Wenn man sich die meisten Plakate angesehen hat, so kommt man zu zwei Hauptthemen: 1. Die derzeitige Regierung versaut so ziemlich alles (stimmt). 2. Wählen Sie Christian Lindner, um das zu ändern. Prinzipiell wäre das eine sehr schöne Kampagne, die Sprüche sind markant, frech, teilweise witzig und transportieren auch die eine oder andere Idee (siehe das Thema mit den Gründern, was so bei den anderen nicht vorkommt). Nach meinem Geschmack könnten sie etwas mehr liberale Programmatik vertragen, aber sie sind für sich schon sehr gut.

12. Mai 2017

Viele Wähler zurücklassen: Mutter und Vater Staat bei der nordrhein-westfälischen SPD

Am Sonntag wird im bevölkerungsreichsten Bundesland ein neuer Landtag gewählt. Und wie das vor einem Urnengang so ist, besteht direkte Proportionalität zwischen dem Niveau der von Politikerseite getätigten Aussagen und der Länge des Zeitraums bis zur Öffnung der Abstimmungslokale.

Hannelore Kraft, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin, inszeniert sich gerne als Urheberin des Programms oder - kongenial ausgedrückt - Heilsversprechens Kein Kind zurücklassen. Der Name stammt offenkundig aus Übersee, doch das Sozialpädagogen- und Kümmerergeschwurbel, mit dem die Initiative angepriesen wird, ist typisch für die Erben des aufgeklärten Absolutismus: Da ist von zu hohen Schwellen die Rede und sinngemäß davon, dass die Eltern dort abgeholt werden müssen, wo sie stehen. So spricht "Mutter Staat", wie Zettel die obrigkeitlichen Fürsorge-Anmaßungen in seinem Interview mit Cora Stephan treffend nannte.

10. Mai 2017

Wahlplkate in NRW. Afd & Company

Es mag seltsam und unfair erscheinen, einen Beitrag zur AfD mit Wahlplakaten der Republikaner zu versehen. Aber das hat einen simplen Grund: Trotz intensiver Suche ist dieser Autor nicht in der Lage gewesen, ein Wahlplakat der AfD vor die Linse zu bekommen. Sie sind schlicht nicht da. Und da Republikaner und AfD in diesem Wahlkampf zumindest eine Sache gemeinsam haben, wurden sie hier zusammengepackt, doch dazu unten mehr.

9. Mai 2017

Wahlplakate in NRW. Grün würgt.

Nein, die CDU ist immer noch nicht dran, denn die derzeit zweite Regierungspartei sind ja nun die Grünen. Man sollte erwarten, dass man sich, gerade als kleiner Koalitionspartner, versucht zu profilieren und die Erfolge der vergangen vier Jahre Regierung herauszustellen versucht. Wenn denn welche da wären. Denn offenkundig sind diese so knapp bemessen, dass die Grünen die vermutlich sinnloseste Kampagne der ganzen Wahl fahren.

8. Mai 2017

Feu tricolore (7): Der bittere Sieg des Emmanuel Macron

Emmanuel Macron hat die Stichwahl zum französischen Staatspräsidenten mit rund 66 Prozent der Stimmen gewonnen. Mit einem Sieg des 39-Jährigen war nach der ersten Runde des Urnenganges weitgehend gerechnet worden, wenn auch vielleicht nicht in dieser Deutlichkeit. Im Vergleich zu 2002, als sich der sogenannte front républicain gegen Marine Le Pens Vater Jean-Marie und hinter dem gaullistischen Kandidaten Jacques Chirac vereinigte und diesem im second tour ein Traumergebnis von über 82 Prozent bescherte, nimmt sich der Erfolg des neuen Hausherrn des Elysée-Palastes freilich bescheiden aus.

Das Politmagazin Le Point spricht deshalb vom "naufrage du front républicain", also dem "Schiffbruch der republikanischen Front". Denn besonders im linken Elektorat scheint der Slogan "Ni Le Pen ni Macron" ("Weder Le Pen noch Macron") nicht ganz wenige Anhänger zu finden. Aber auch das katholische Lager, das im ersten Durchgang im Gesamtbevölkerungsvergleich überdurchschnittlich stark zu seinem bekennenden Glaubensbruder François Fillon tendierte, dürfte mit beiden in der zweiten Runde verbliebenen Kandidaten nicht ganz glücklich gewesen sein.

美黛 - 意難忘



Die Sonntage immer den Künsten!



- Mei Tai, "Unvergeßliche Erinnerungen" (Yì nánwàng), 1963:

藍色的街燈,明滅在街頭,
獨自對窗,凝望月色,星星在閃耀。
我在流淚,我在流淚,沒人知道我,
啊,啊,誰在唱呀,遠處輕輕傳來,
想念你的,想念你的,我愛唱的那一首歌。
白色的毛衣,遺留在身邊,
抱入懷裡,傳來暗香,此心已破碎。
我在流淚,我在流淚,沒人知道我,
啊,啊,誰在唱呀,遠處輕輕傳來,
想念你的,想念你的,我愛唱的那一首歌。
你我的回憶,該是兩相同,
咫尺天涯,為何不見,此身已憔悴。
我在流淚,我在流淚,沒人知道我,
啊,啊,誰在唱呀,遠處輕輕傳來,
想念你的,想念你的,我愛唱的那一首歌。


Wahlplakate in NRW. Heute mit der Weltrevolution.

Normalerweise sollte nach der SPD nun die CDU kommen. Dummerweise ist deren Kampagne (so man überhaupt davon sprechen kann) derart seicht, dass sie kaum der Kommentierung lohnt. Weit beachtlicher (kein Witz) sind die Plakate der MLPD. MLPD? Ja, genau: Der "Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands". Eine kommunistische Splitterbewegung, die normalerweise in ihren Wahlergenissen selbst unter den "Sonstigen" kaum zu finden ist, und je nach Bundesland so irgendwo um ein Promille der Wahlergebnisse herum liegt.
 

7. Mai 2017

Wahlplakate NRW. Heute von und mit Hannelore Kraft.

In NRW wird in gut einer Woche gewählt was für den geneigten Bürger dieses bevölkerungsreichsten Bundeslandes bedeutet, dass er sich seit einigen Wochen über intensive Wahlwerbung freuen kann. Alle paar Jahre entdeckt die Politik bekanntlich den Bürger wieder und versucht diesen möglichst dazu zu bringen, das Kreuz doch an der richtigen Stelle zu machen. Das mit bekannteste Mittel sind dabei die diversen Plakate mit denen man dann die Innenstadt zukleistert. Nun muss Werbung nicht unbedingt per se schlecht sein. Manche ist witzig, kann unterhalten, andere kann ansprechen und ganz, ganz selten schafft es die Werbung sogar einen zum Nachdenken zu bringen. 
Leider fällt das Gros von dem, was derzeit in NRW stattfindet, unter keine dieser Kategorien. Es fällt eher unter die Kategorie nervig, teilweise sogar ins Ärgerliche. Da aber die Politik meint, damit ihre Botschaft zu transportieren, und das immerhin die Leute sind, die entscheidenden Einfluss auf dieses Land haben, sollte es doch Sinn machen, sich einmal mit der Wahlwerbung zu beschäftigen. Welche Botschaft will man transportieren? Was will man dem Büger sagen?

Marginalie: Political correctness und Beleidigung

­Eine Lächerlichkeit, eigentlich. Allerdings eine Lächerlichkeit, die leider allzu typisch für den öffentlich rechtlichen Rundfunk in Deutschland (der sich in einem Anfall von totale Absurdität gerne als Wächter der demokratischen Gesellschaft verkauft) ist. So hat der ansonsten auch nicht gerade für allzu feinen Humor bekannte Moderator Christian Ehring in der Sendung Extra-3 vom NDR die AfD-Politikerin Alice Weidel in ziemlich direkter Art als "Nazi-Schlampe" bezeichnet. Als Begründung für diese Verbalinjurie führt Ehring, respektive der NDR, die Forderung von Weidel an, die politische Korrektheit gehöre auf den Müllhaufen der Geschichte.

3. Mai 2017

Einmal Weltraum und zurück

Manchmal gibt es Momente, an denen einem unverhofft, und gerade durch diese Unverhofftheit, das vor Augen geführt wird, was Ernst Jünger vor schon fast neunzig Jahren, in seiner Sammlung kurzer Glossen und Prosastücke mit dem Titel Das Abenteuerliche Herz, den "Traumzustand der Moderne" genannt hat: jener Eindruck von Surrealität, von einer veritablen Unwirklichkeit, die sich durch die Möglichkeiten der modernen Technik eröffnet - gerade auch deshalb überraschend, weil sie zum unabdingbaren, alltäglichen Part in jeder Sekunde unseres Lebens geworden ist. So etwa für den Chronisten am gestrigen 1. Mai.

28. April 2017

Der Erfolg der AfD

Was den Umgang mit der Alternative für Deutschland betrifft, so scheint sich in der hiesigen Medienlandschaft ein Wandel anzubahnen: Sammelten die Leitpublikationen bislang hauptsächlich Belege für die mangelnde Salonfähigkeit der jungen Partei, so wird in mittlerweile bereits mehreren Artikeln – zumeist etwas bang – gemutmaßt, dass die AfD vielleicht teilweise die richtigen Fragen stelle, aber – natürlich – die falschen Antworten darauf gebe.

Ein Beispiel für diese neue Nachdenklichkeit in Bezug auf die als rechtspopulistisch verortete Gruppierung liefert Jana Hensel auf ZEIT-Online: „Und wenn die AfD Recht hat?“ lautet der Titel des lesenswerten Essays, der allerdings mit einer kapitalen Fehleinschätzung beginnt. In einem Nebensatz behauptet die Autorin nämlich, dass sich die AfD
gerade auf ihrem Parteitag einstweilen zerlegt hat[.]
Dieser Befund kann nicht geteilt werden. Vielmehr wurde auf der Versammlung zu Köln – wie auch der Werwohlf in einem zur Lektüre empfohlenen Beitrag feststellt – Geschlossenheit inszeniert. Was fünf Monate vor der Bundestagswahl zweifellos auch nicht die törichteste Strategie ist. Folgerichtig blieb Frauke Petrys Zukunftsantrag unbehandelt und eine unter dem Außenpanzer der Partei vorhandene Bruchlinie weitestmöglich verdeckt.

24. April 2017

Feu tricolore (6): Kurzes und Bündiges zur ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl

Als Blogger mit Beruf ist man im realen Leben bisweilen so sehr mit der Erwirtschaftung von Umverteilungsmasse beschäftigt, dass man nicht die Muße hat, von der Muse geküsst zu werden. Da also der Verfasser dieser Zeilen eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Kür des Präsidenten der Französischen Republik (jedenfalls vorerst) schuldig bleiben muss, wird im Folgenden auf das nicht gänzlich unerprobte Mittel der Wahlanalyse durch Aphorismen und ungeordnete Gedanken zurückgegriffen:

18. April 2017

Zeitmarke. Vor 100 Jahren: Die verrücktgewordene Kapelle (瘋狂樂隊)

Die Wochenenden immer den Künsten!

...Flöten schrillen, Banjos wimmern,
Und die Drumm geht schier in Trümmern,
Wütend, daß die Haare fliegen,
Alle Tasten sich verbiegen,
Schlägt der Meister Pianiste
Auf die alte Jammerkiste...
Immer toller wird das Wüten!
In der Instrumente Tüten
Mischt sich noch des Menschen Laut,
Heulend wie des Windes Braut:
Bass, Tenor und Bariton
Grölen zu dem Saxophon.
Ach, der Lärm wird riesengroß!
Hoffnungslos
Weicht der Mensch des Jazzes Stärke
Baff sieht er der Klassik Werke
In dem Chaos untergehn...


Zu den kulturellen Auswirkungen, die der Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg vom Frühjahr und Sommer des Jahres 1917 nach sich zog, wird allgemein ein Phänomen gerechnet, bei dem man diese Wechselwirkung wohl zu Recht bezweifeln kann: nämlich die Verbreitung jenes populären Musikstils, der alsbald unter dem Namen "Jazz" seinen Siegeszug durch die westliche Welt antrat. Auf der anderen Seite kann man, wenn man die Sache nicht zu bierernst angeht (eine Haltung, die bei Historikern des Genres eher nicht verbreitet ist), die Entstehung dieser speziellen Art des synkopierten Lärmens durchaus unter die unmittelbaren Folgen der Weltpolitik rechnen. Dieses scheinbare Paradox ist freilich keines. Herausgebildet hatte sich der Darbietungsstil in den Jahren zuvor, im südlichsten Süden der Vereinigten Staaten, in New Orleans - und hier insbesondere in denn Kaschemmen und Etablissements des größten Rotlichtviertels namens Storyville. Im Lauf des Sommers 1917 erfolgte durch die Behörden eine rigorose Schließung all dieser Räuberhöhlen, Bumslokale, Opium dens. Zum einen, weil sich jetzt die Gelegenheit ergab, unter dem Bedingungen des Kriegsrechts von Seiten der Ordnungsbehörden rigoros durchzugreifen, nachdem New Orleans als Versorgungshafen für die alsbald nach Europa übersetzenden Truppen bestimmt worden war. Zum anderen befürchtete man, daß unter dem exponentiellen Anwachsen von Soldaten und Arbeitern für den Nachschub die damals üblichen Maßnahmen zur "Hygienekontrolle" bei den zahllosen Prostituierten - was in diesem Fall, wie in anderen Hafenstädten überall auf der Welt ein kurzes Vorstelligwerden bei einem Arzt umfaßte, der die Damen auf erste Symptome der Syphilis kontrollierte - schlicht versagen würden. Selbstredend waren diese Maßnahmen nicht flächendeckend erfolgreich - ebensowenig wie die Schließung aller Bordelle in Frankreich 1946 oder das Verbot des käuflichen Sex vor ein paar Jahren in Schweden. Dennoch führte der Wegfall dieses Geschäftsektors zu einer Abwanderung der Musiker in andere Großstädte, die von diesem Boykott nicht betroffen waren. Und in denen sich - dies war der entscheidende Faktor - die Gelegenheit bot, mit jener Art des wilden hedonistischen, improvisierten Lärmens in die damals entstehenden Aufnahmestudios gebeten zu werden.  

17. April 2017

Die türkischen Demokraten: Ein paar Streiflichter

Es kam, wie es kommen musste und die deutsche Presse ist sich (mal wieder) einig: "Die Türken" haben die Demokratie abgewählt, Erdogan ist böse und man muss jetzt ganz vorsichtig sein, wie man weiter vorgeht. Die Vokabel des "Warnens" ist mal wieder in aller Politiker-Mund gelegt, obschon ja eigentlich nur das eingetreten ist, was ja ohnhin jeder gewusst hat. Ich möchte dem mal ein paar andere Gedanken hinzufügen, die ich in der öffentlichen Diskussion großenteils vermisse.

13. April 2017

Reine Endlichkeit, ohne Himmel

Die Tiere werden immer mehr der Menschenwürde angenähert und die Menschen immer mehr auf die Tierstufe herabgedrückt. Von Durs Grünbein wurde am 25. März 2017 ein Beitrag mit dem Titel „Unter Affen“ in DIE WELT veröffentlicht. Er ist einer der letzten, der den alten Blick in die Metaphysik mit dem jetzigen Lebensgefühl verbindet, mit einem ironisch-schmerzlichen Stirnrunzeln. Heute gilt der Streit um die Religionen als beendet – wenn man den fundamentalistischen Islam unter die Ideologien und nicht als religiösen Glauben rechnet. Nur der Kampf um die Ideologien dauert noch an. Der Gottesbegriff hat sich verflüchtigt. Selbst die Kirchgänger eines „lebens- und wirklichkeitsnahen“ Christentums benötigen ihn nicht.

11. April 2017

Avanti Dilettanti. Ein Gedankensplitter zu der der Idee, dass jeder studieren muss.

Das Bundesland Hessen hat einen interessanten Modellversuch gestartet: Um an hessischen Fachhochschulen ein Studium aufzunehmen, genügt derzeit eine mittlere Reife mit einer Benotung von besser als 2,5. Also anders gesagt: Ein mittelmäßiger Realschulabschluß. Das Bundesland verspricht sich davon einen vereinfachten Zugang zu Hochschulen und damit die Erleichterung der Möglichkeit auch ohne Abitur ein Studium abzuschliessen.

Zeitmarke: Пломбированный вагон - der versiegelte Zug



Im Gegensatz zu den Ereignissen, auf die vor wenigen Tagen an dieser Stelle auf die hundertjährige Wiederkehr eines für den weiteren Geschichtsverlaufs eminent wichtigen Datums verwiesen wurde - den Eintritt der Vereinigten Staaten von Amerika in den Ersten Weltkrieg - ist das "heutige" Geschehen - die Rückkehr des russischen Revolutionärs Wladimir Iljitsch Uljanov, genannt Lenin, aus seinem Zürcher Exil - durchaus in einigen hiesigen Medien vermerkt worden; so als Kurzbeitrag der heute-Sendung im Zweites Deutschen Fernsehen vor zwei Tagen oder als Fünf-Minuten-Zeitzeichen als "Kalenderblatt" heute im Deutschlandfunk. Während sich das ZDF hierbei auf keine Wertung einließ, konzedierte der DLF immerhin eine durchweg negative Sicht auf Person und Rolle jenes Mannes, der so lange von staatsozialistischen Regimen, von Gläubigen an die vermeintliche Utopie des Kommunismus und von jenen, die der Faszination der durch nichts gehinderten Entfaltung staatlicher Gewalt erlegen sind, als weltlicher Messias, als ein "Weltgeist" - nicht zu Pferde (als den Hegel Napoleon Bonaparte sah), aber ganz im Geist Hegels als "Weltgeist im Panzerwagen" - angesehen wurde.

9. April 2017

葉楓 - 好預兆 (1962)

Die Sonntage immer den Künsten. Auch wenn es sich sich um leichte, seichte Werke handelt und die Verfertiger, nach den Worten des Schutzpatrons dieses Metiers, Heinz Erhardt, nicht von der Muse, sondern der Pampelmuse geküßt wurden.

7. April 2017

Versuchsballons

Große Schlagzeilen, schreckliche Bilder: Assads Luftwaffe hat wieder einmal Zivilisten im "Rebellengebiet" mit Giftgas angegriffen.
Und in üblicher Weise laufen sofort die Islamistenversteher à la Lüders oder Todenhöfer in deutschen Fernsehstudios auf und werfen Nebelkerzen. Parallel in üblicher Weise die Welle der Putintrolle im Internet, die in jeder halbwegs passenden Diskussion die "Russia-Today"-Version der Ereignisse verbreiten.
Man wisse ja angeblich nichts Verläßliches über die Vorfälle und es könnten ja auch die Rebellen selber gewesen sein und vor allem kommt natürlich das "cui bono": So ein Giftgasangriff wäre doch militärisch völlig sinnlos und damit gäbe es überhaupt keine Motivation für Putin/Assad, sich so zu exponieren.

Ach so?
Kleine Rückblende: