8. Mai 2007

Marcel Reich-Ranicki über Arno Schmidt: Anmerkungen zu einer Bemerkung

"Für viele Intellektuelle - vor allem Schriftsteller - gilt Arno Schmidt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Warum können Sie so wenig mit seiner Literatur anfangen?" fragt Axel Fröschner Marcel Reich- Ranicki in der FAS vom vergangenen Wochenende. Und MRR antwortet, nachdem er auf einen Aufsatz hingewiesen hat, in dem er sich schon früh und eingehend mit Arno Schmidt befaßt hatte:
Wahr ist, daß ich kein Enthusiast Arno Schmidts bin und es mit Sicherheit nicht mehr werde. Daß ich aber kaum etwas mit seinem Werk anfangen könne, dürfte doch wohl übertrieben sein. An zwei Erzählungen von Arno Schmidt erinnere ich mich oft und gern: "Die Umsiedler" und "Seelandschaft mit Pocahontas".
Hm, das wäre ungefähr so, als würde ein Philosoph sagen: An zwei Werke von Kant erinnere ich mich oft und gern - die "Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels" und die "Träume eines Geistersehers".

Denn als Arno Schmidt diese beiden Erzählungen schrieb, war er noch in seiner sozusagen "vorkritischen" Phase. Er schrieb zwar schon damals - wie von Anfang an - eine sehr konzentrierte, anspielungsreiche, den Leser fordernde Prosa. Aber seinen eigenen - einen sehr eigenen - Stil fand er doch erst einige Jahre später; in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre.

Das "Steinerne Herz" und dann vor allem "Kaff, auch Mare Crisium" waren Texte, die vom Leser ein ständiges, sagen wir, Mitarbeiten verlangten. Viel mehr dann noch die Typoskripte. Da erst wurde Schmidt zu dem Autor, der einen singulären Beitrag zur deutschen Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts geleistet hat.



Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es mir anfangs mit "Zettels Traum" gegangen ist. Die erste Seite habe ich nicht "gelesen", sondern es war eher eine Mischung aus Entziffern, Assoziieren, Rätsellösen und auch Ratlosigkeit. Warum sind Nebel "schelmenzünftig"? Warum machen Kühe nicht "muh" sondern "ana moo moo"? Was sollten diese Reihen von XXXen?

Manches konnte ich verstehen; vieles erraten. Aber viel blieb auch offen. Es ging mir ein wenig so wie mit Flauberts "Salambô", als ich diesen Roman auf Französisch las. Anfangs schlug ich jede mir fremde Vokabel in diesem in einer fremden Welt spielenden Text nach; dann merkte ich, daß man ihn auch dann genießen kann, wenn man nicht jedes Wort versteht.

Allmählich ahnte ich, daß Flaubert auch von seinen französisch- sprachigen Lesern gar nicht erwartete, daß sie alle diese Begriffe aus der Antike, aus der Kultur der Karthager kannten. Ähnlich hat es Arno Schmidt in "Kosmas, oder vom Berge des Nordens" gemacht.

Auch die Fremdheit, die Un- oder Halbverständlichkeit von Begriffen, ja von ganzen Aussagen, kann von einem gewieften Autor beim Leser planmäßig hervorgerufen und insofern in gewisser Weise als Stilmittel eingesetzt werden. Wenn wir als Kinder Märchen gelesen haben, dann war diese Unverständlichkeit allgegenwärtig und machte den Text erst recht reizvoll.



Das Spiel mit der Nichtverständlichkeit kann also ein Stilmittel sein. Nur muß der Autor es dosiert und überlegt spielen.

Er kann es einmal - wie Flaubert im "Salambô", wie Schmidt im "Kosmas" - einsetzen, um eine fremde Welt noch fremder erscheinen zu lassen. Er kann es aber auch - und das hat Schmidt von der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre an zunehmend getan - als ein Mittel verwenden, um das Lesevergnügen generell zu steigern.

Hat man sich erst einmal eingelesen, hat man, wie Schmidt gern sagte, sein "Gehirn in die richtigen Falten gelegt", dann erlebt man bei der Lektüre dieser Texte des "reifen" und des "späten" Schmidt ein ständiges intellektuelles Vergnügen weit über das hinaus, was die Lektüre jedes gelungenen Romans bietet.

Man bewegt sich ja geistig nicht nur im Geschilderten, im Denotativen. Sondern die Sprache wird selbst ständig zum Gegenstand der Aufmerksamkeit; denn man versucht Anspielungen und Mehrdeutigkeiten zu verstehen, freut sich an Sprachwitzen und Kalauern, muß gar mehrere, auch optisch getrennte, Textstränge miteinander verbinden, aufeinander beziehen. Manchmal ähnelt das Lesen eher dem Betrachten einer Grafik oder dem Durchmustern einer Landkarte.

Mal erschließt sich eine Textstelle sofort, mal erfordert das einige Konzentration, mal bleibt etwas offen und unverstanden. Es ist eine ständige Wellenbewegung, ein Schaukeln sozusagen auf einem unruhigen Meer, dessen "déroulement infini" Baudelaire in einem seiner schönsten Gedichte mit dem menschlichen Geist verglichen hat.



Warum hat sich dieses exquisite intellektuelle Vergnügen einem so eminent intelligenten und gebildeten Mann wie Marcel Reich-Ranicki nicht erschlossen? Ich werde mich hüten, das zu beantworten. Aber ein wenig spekulieren mag ich schon.

Mag sein, daß zum Vergnügen an der Sprache, am ja nachgerade graphischen Stil von Schmidt eine gewisse intellektuelle Konstitution gehört - der Spaß am Rätseln, am Spielen, am Hin- und Herwenden, am Neuverknüpfen von Gedanken und am Herauskramen dessen, was man weiß, aus den Untiefen des Gedächtnisses.

Eine, sagen wir, ein wenig Lichtenberg'sche Geistesverfassung. Ich könnte mir denken, daß dem auch in seinem Humor immer ernsthaften MRR dieses Spielerische, ja Kindliche nicht liegt.

Mag aber auch einfach sein, daß Reich-Ranicki, dieser, sagen wir, unersättliche, nimmermüde Leser, nie die Muße hatte, sich in Schmidt einzulesen.

Denn das muß man: Sich - neudeutsch gesprochen - "auf Schmidt einlassen".

Wer das tut und sich damit Zugang zu diesem einzigartigen Lesevergnügen schafft, der fühlt sich dann leicht ein wenig als Eingeweihter. Es gibt in der Tat so etwas wie eine "Schmidt- Gemeinde", eine manchmal schon recht hermetische.

Aber nette Leute sind's. Jedenfalls, soweit ich sie kennengelernt habe.