26. August 2007

Zettels Meckerecke: Unsere letzten Autokraten. Der Fall Schlingensief und ein französischer Kommentar

Wer hat heutzutage in einer Gesellschaft wie der unseren noch die Möglichkeit, nach Lust und Laune über Menschen zu bestimmen?

Der Lehrer, der Professor, der Offizier, der "Halbgott in Weiß"; also die klassischen "Autoritäten"? Schon lange nicht mehr. Sie sind eingesponnen in Systeme von Vorschriften, von Gesetzen, von Kontrollen, die ihnen jeden Versuch zu autokratischem Verhalten gründlich vermiesen.

Der Manager, der Unternehmer, der Abteilungsleiter? Ach was. Sie müssen den Gesetzen des Marktes gehorchen; und die verbieten jede Willkür. Auch im Umgang mit Untergebenen. Das würde das Arbeitsklima verschlechtern, also den Output, also den Profit. Unter Umständen würde es auch das Image des betreffenden Unternehmens schädigen, also wiederum seinen wirtschaftlichen Erfolg mindern.



Nein - Willlkür, das herrische Verhalten des Mächtigen, der sich alles erlauben kann - das hat keinen Platz mehr in der heutigen freien Gesellschaft, im modernen Konkurrenz- Kapitalismus.

Und doch - es gibt noch eine Oase der Willkür, ein Reservat für Autokraten, eine Insel der Selbstherrlichen: Die Tätigkeit des Theater- Regisseurs.

Er, seine Majestät der Regisseur, hat nahezu unbeschränkte, lediglich durch seinen Etat beschränkte Rechte.

Beliebige, schrankenlose Rechte nicht nur gegenüber dem Autor, den zu spielen er beauftragt ist oder sich entschlossen hat. Jedenfalls sofern dieser hinreichend lang tot ist und keine Erben existieren, die, mit ausreichenden juristischen Waffen versehen, über sein Werk wachen.

Sondern er hat auch nahezu unbegrenzte Rechte gegenüber den Schauspielern, die unter seiner Regie arbeiten müssen, der moderne Theater- Regisseur. Er läßt sie so spielen, wie sie aus eigenem Urteil, aus eigener künstlerischer Verantwortung nie spielen würden.

Er befiehlt ihnen, in seinem Auftrag das Stück zu verhunzen. Mit diesem etwas anzustellen, was dem Autor niemals in den Sinn gekommen wäre.



Er hat das Recht, der moderne, autokratische Theater- Regisseur, Molières "Tartuffe" als ein Stück zu spielen, in dem ständig geschrien und getobt wird, in dem Obszönitäten und politische Flegeleien sich aneinanderreihen wie die Flüche der Bierkutscher. Das habe ich kürzlich bei den Ruhr- Festspielen Recklinghausen erleben dürfen; und ich habe darüber vor acht Wochen eine Meckerecke geschrieben.

Warum also noch einmal auf das Thema kommen? Es gibt dazu zwei Anlässe.

Der eine ist ein Kommentar, den der von mir hochgeschätzte französische Journalist Jacques Julliard, stellvertretender Chefredakteur des "Nouvel Observateur", kürzlich dort geschrieben hat.

Ich stimme oft mit Julliard überein. Aber so aus dem Herzen gesprochen wie in diesem Kommentar - Titel "Les assassins du théâtre", die Meuchler des Theaters - hat er mir selten. Als Appetit- Häppchen hier der Beginn:
Il faut bien, à la fin, donner libre cours à une juste colère et dénoncer publiquement cette entreprise inqualifiable qui, depuis une vingtaine d'années, ne tend à rien de moins, sous prétexte de les distraire, qu'à déposséder les Français de leur théâtre.

Ce que je vise ici, c'est un travail obstiné, obscurantiste, pour expulser le texte de la scène et lui substituer la dictature arbitraire de ce démiurge autoproclamé et mégalomaniaque que l'on nomme metteur en scène.

Comme toujours, c'est la lâcheté qui est à l'origine de la tyrannie. Une telle opération n'a pu en effet réussir qu'à la faveur de la connivence servile d'une partie de la critique, de la complicité financière de l'Etat et du silence intimidé du public.

Es muß endlich einmal jemand seinem gerechten Zorn freien Lauf lassen und öffentlich dieses unqualifizierte Unternehmen an den Pranger stellen, das seit zwanzig Jahren auf nicht weniger gerichtet ist als darauf, unter dem Vorwand, sie zu unterhalten, den Franzosen ihr Theater zu rauben.

Worauf ich hier ziele, das ist ein stures, obskurantistisches Bemühen, den Text von der Bühne zu vertreiben und an seine Stelle die willkürliche Diktatur jenes selbsternannten, größenwahnsinnigen Halbgotts zu setzen, den man Regisseur nennt.

Wie immer ist die Feigheit der Ursprung der Tyrannei. Eine solche Operation konnte ja nur dank des servilen Mitspielens eines Teils der Kritik gelingen, dank der finanziellen Komplizenschaft des Staats und dank des Schweigens eines eingeschüchterten Publikums.
Und so fort, über fast eine ganze Druckseite.

Wer Französisch liest und wer Sinn für eine Polemik von Heine'scher oder Tucholsky'scher Qualität hat (heute gibt es das ja in Deutschland leider kaum noch), dem sei Julliards gerechter Zorn wärmstens empfohlen.



Der aktuelle Anlaß dafür, daß ich nun zum zweiten Mal über die Willkür schlechter Regisseure meckere, ist die Affäre Schlingensief.

Diesen Namen mit "Affäre" zu assoziieren ist ungefähr so originell, wie Karl May einen Vielschreiber zu nennen. Mir ist der Name Schlingensief bisher überhaupt nur im Zusammenhang mit Affären begegnet, mit Skandalen.

Irgendwie scheinen Künstler wie Schlingensief oder Jonathan Meese einem logischen non sequitur zum Opfer gefallen zu sein: Große Künstler haben oft Skandale verursacht; das ist wahr. Nun glauben Leute wie diese beiden, daß schon der Skandal den großen Künstler macht.

Sokrates ißt Bananen. Affen essen Bananen. Also ist Sokrates ein Affe. Das war das Beispiel, mit dem die antiken Logiker ihren Schülern diesen Denkfehler ausgetrieben haben sollen.

Worum geht es beim aktuellen Schlingensief- Skandal?

Also, der Komponist Moritz Eggert hat eine Oper geschrieben, die "Freax" heißt und in der ein Zwerg, eben ein Freak (also eine Mißgeburt, zu deutsch) sich in eine schöne Frau verliebt.

Schlingensief sollte das in Bonn inszenieren. Und Schlingensief hatte eine Idee.

Man kann sie eine künstlerische Idee nennen.

Man kann auch vermuten, daß es die Idee zu einem Skandal war. Wie auch immer - statt daß ausgebildete Sänger die Oper singen, wie das ja eigentlich bei einer Oper üblich ist, wollte Schlingensief leibhaftige Behinderte auf die Bühne stellen.

Wie begründet er das, der Künstler Schlingensief?

So: "Wenn eine Oper sich um das Thema Behinderung kümmert, dann darf sie die Behinderten nicht als Beiwerk benutzen, dann sind sie ein Zentralthema, dann haben diese Menschen auch an den entsprechenden Stellen zu singen".

Eine bestechende Logik, nicht wahr?

Wenn eine Oper sich um das Thema Kriminalität kümmert, dann sollte nicht ein Sänger den Mackie Messer geben, sondern dann hat ein richtiger Gauner "an den entsprechenden Stellen zu singen".

Und wenn ein Künstler wie Schlingensief "La Traviata" inszeniert, dann wird er sicher eine Dame aus dem Milieu für die Titelrolle finden. Welch ungewohntes Verngügen für das Opern- Publikum!



Ein wenig hirnrissig? Ja, gewiß. Aber gute Schauspieler, ausgebildete Sänger - die stören im Grunde ja nur die Kreise eines genialen Künstlers wie Schlingensief.

Jacques Julliard hat auch das trefflich geschildert:
Car le metteur en scène, cet hypocondriaque jaloux, ne se contente pas d'en vouloir à l'auteur et au public. Il n'a de cesse qu'il ne prive les comédiens de leur talent. Un comédien doué est une concurrence à éliminer sans faiblesse.

Résultat : les acteurs français, longtemps parmi les meilleurs du monde, sont désormais transformés en marionnettes décérébrées et convulsives, afin de mieux faire ressortir l'unique génie du Big Brother de la coulisse.

Aber der Regisseur, dieser eifersüchtige Hypochonder, begnügt sich nicht damit, dem Autor und dem Publikum zu Leibe zu rücken. Er gibt erst Ruhe, wenn er auch noch den Schauspielern ihr Talent geraubt hat. Ein begabter Schauspieler ist eine Konkurrenz, die man erbarmungslos beseitigen muß.

Ergebnis: Die französischen Schauspieler, einst unter den besten der Welt, werden jetzt in hirnlose, zuckende Marionetten verwandelt, damit das einzigartige Genie des Big Brother in der Kulisse umso glänzender strahlt.

So ist es bei unseren voisins d'Outre-Rhin. So ist es zunehmend auch bei uns in Deutschland.

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