28. April 2017

Der Erfolg der AfD

Was den Umgang mit der Alternative für Deutschland betrifft, so scheint sich in der hiesigen Medienlandschaft ein Wandel anzubahnen: Sammelten die Leitpublikationen bislang hauptsächlich Belege für die mangelnde Salonfähigkeit der jungen Partei, so wird in mittlerweile bereits mehreren Artikeln – zumeist etwas bang – gemutmaßt, dass die AfD vielleicht teilweise die richtigen Fragen stelle, aber – natürlich – die falschen Antworten darauf gebe.

Ein Beispiel für diese neue Nachdenklichkeit in Bezug auf die als rechtspopulistisch verortete Gruppierung liefert Jana Hensel auf ZEIT-Online: „Und wenn die AfD Recht hat?“ lautet der Titel des lesenswerten Essays, der allerdings mit einer kapitalen Fehleinschätzung beginnt. In einem Nebensatz behauptet die Autorin nämlich, dass sich die AfD
gerade auf ihrem Parteitag einstweilen zerlegt hat[.]
Dieser Befund kann nicht geteilt werden. Vielmehr wurde auf der Versammlung zu Köln – wie auch der Werwohlf in einem zur Lektüre empfohlenen Beitrag feststellt – Geschlossenheit inszeniert. Was fünf Monate vor der Bundestagswahl zweifellos auch nicht die törichteste Strategie ist. Folgerichtig blieb Frauke Petrys Zukunftsantrag unbehandelt und eine unter dem Außenpanzer der Partei vorhandene Bruchlinie weitestmöglich verdeckt.

24. April 2017

Feu tricolore (6): Kurzes und Bündiges zur ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl

Als Blogger mit Beruf ist man im realen Leben bisweilen so sehr mit der Erwirtschaftung von Umverteilungsmasse beschäftigt, dass man nicht die Muße hat, von der Muse geküsst zu werden. Da also der Verfasser dieser Zeilen eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Kür des Präsidenten der Französischen Republik (jedenfalls vorerst) schuldig bleiben muss, wird im Folgenden auf das nicht gänzlich unerprobte Mittel der Wahlanalyse durch Aphorismen und ungeordnete Gedanken zurückgegriffen:

18. April 2017

Zeitmarke. Vor 100 Jahren: Die verrücktgewordene Kapelle (瘋狂樂隊)

Die Wochenenden immer den Künsten!

...Flöten schrillen, Banjos wimmern,
Und die Drumm geht schier in Trümmern,
Wütend, daß die Haare fliegen,
Alle Tasten sich verbiegen,
Schlägt der Meister Pianiste
Auf die alte Jammerkiste...
Immer toller wird das Wüten!
In der Instrumente Tüten
Mischt sich noch des Menschen Laut,
Heulend wie des Windes Braut:
Bass, Tenor und Bariton
Grölen zu dem Saxophon.
Ach, der Lärm wird riesengroß!
Hoffnungslos
Weicht der Mensch des Jazzes Stärke
Baff sieht er der Klassik Werke
In dem Chaos untergehn...


Zu den kulturellen Auswirkungen, die der Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg vom Frühjahr und Sommer des Jahres 1917 nach sich zog, wird allgemein ein Phänomen gerechnet, bei dem man diese Wechselwirkung wohl zu Recht bezweifeln kann: nämlich die Verbreitung jenes populären Musikstils, der alsbald unter dem Namen "Jazz" seinen Siegeszug durch die westliche Welt antrat. Auf der anderen Seite kann man, wenn man die Sache nicht zu bierernst angeht (eine Haltung, die bei Historikern des Genres eher nicht verbreitet ist), die Entstehung dieser speziellen Art des synkopierten Lärmens durchaus unter die unmittelbaren Folgen der Weltpolitik rechnen. Dieses scheinbare Paradox ist freilich keines. Herausgebildet hatte sich der Darbietungsstil in den Jahren zuvor, im südlichsten Süden der Vereinigten Staaten, in New Orleans - und hier insbesondere in denn Kaschemmen und Etablissements des größten Rotlichtviertels namens Storyville. Im Lauf des Sommers 1917 erfolgte durch die Behörden eine rigorose Schließung all dieser Räuberhöhlen, Bumslokale, Opium dens. Zum einen, weil sich jetzt die Gelegenheit ergab, unter dem Bedingungen des Kriegsrechts von Seiten der Ordnungsbehörden rigoros durchzugreifen, nachdem New Orleans als Versorgungshafen für die alsbald nach Europa übersetzenden Truppen bestimmt worden war. Zum anderen befürchtete man, daß unter dem exponentiellen Anwachsen von Soldaten und Arbeitern für den Nachschub die damals üblichen Maßnahmen zur "Hygienekontrolle" bei den zahllosen Prostituierten - was in diesem Fall, wie in anderen Hafenstädten überall auf der Welt ein kurzes Vorstelligwerden bei einem Arzt umfaßte, der die Damen auf erste Symptome der Syphilis kontrollierte - schlicht versagen würden. Selbstredend waren diese Maßnahmen nicht flächendeckend erfolgreich - ebensowenig wie die Schließung aller Bordelle in Frankreich 1946 oder das Verbot des käuflichen Sex vor ein paar Jahren in Schweden. Dennoch führte der Wegfall dieses Geschäftsektors zu einer Abwanderung der Musiker in andere Großstädte, die von diesem Boykott nicht betroffen waren. Und in denen sich - dies war der entscheidende Faktor - die Gelegenheit bot, mit jener Art des wilden hedonistischen, improvisierten Lärmens in die damals entstehenden Aufnahmestudios gebeten zu werden.  

17. April 2017

Die türkischen Demokraten: Ein paar Streiflichter

Es kam, wie es kommen musste und die deutsche Presse ist sich (mal wieder) einig: "Die Türken" haben die Demokratie abgewählt, Erdogan ist böse und man muss jetzt ganz vorsichtig sein, wie man weiter vorgeht. Die Vokabel des "Warnens" ist mal wieder in aller Politiker-Mund gelegt, obschon ja eigentlich nur das eingetreten ist, was ja ohnhin jeder gewusst hat. Ich möchte dem mal ein paar andere Gedanken hinzufügen, die ich in der öffentlichen Diskussion großenteils vermisse.

13. April 2017

Reine Endlichkeit, ohne Himmel

Die Tiere werden immer mehr der Menschenwürde angenähert und die Menschen immer mehr auf die Tierstufe herabgedrückt. Von Durs Grünbein wurde am 25. März 2017 ein Beitrag mit dem Titel „Unter Affen“ in DIE WELT veröffentlicht. Er ist einer der letzten, der den alten Blick in die Metaphysik mit dem jetzigen Lebensgefühl verbindet, mit einem ironisch-schmerzlichen Stirnrunzeln. Heute gilt der Streit um die Religionen als beendet – wenn man den fundamentalistischen Islam unter die Ideologien und nicht als religiösen Glauben rechnet. Nur der Kampf um die Ideologien dauert noch an. Der Gottesbegriff hat sich verflüchtigt. Selbst die Kirchgänger eines „lebens- und wirklichkeitsnahen“ Christentums benötigen ihn nicht.

11. April 2017

Avanti Dilettanti. Ein Gedankensplitter zu der der Idee, dass jeder studieren muss.

Das Bundesland Hessen hat einen interessanten Modellversuch gestartet: Um an hessischen Fachhochschulen ein Studium aufzunehmen, genügt derzeit eine mittlere Reife mit einer Benotung von besser als 2,5. Also anders gesagt: Ein mittelmäßiger Realschulabschluß. Das Bundesland verspricht sich davon einen vereinfachten Zugang zu Hochschulen und damit die Erleichterung der Möglichkeit auch ohne Abitur ein Studium abzuschliessen.

Zeitmarke: Пломбированный вагон - der versiegelte Zug



Im Gegensatz zu den Ereignissen, auf die vor wenigen Tagen an dieser Stelle auf die hundertjährige Wiederkehr eines für den weiteren Geschichtsverlaufs eminent wichtigen Datums verwiesen wurde - den Eintritt der Vereinigten Staaten von Amerika in den Ersten Weltkrieg - ist das "heutige" Geschehen - die Rückkehr des russischen Revolutionärs Wladimir Iljitsch Uljanov, genannt Lenin, aus seinem Zürcher Exil - durchaus in einigen hiesigen Medien vermerkt worden; so als Kurzbeitrag der heute-Sendung im Zweites Deutschen Fernsehen vor zwei Tagen oder als Fünf-Minuten-Zeitzeichen als "Kalenderblatt" heute im Deutschlandfunk. Während sich das ZDF hierbei auf keine Wertung einließ, konzedierte der DLF immerhin eine durchweg negative Sicht auf Person und Rolle jenes Mannes, der so lange von staatsozialistischen Regimen, von Gläubigen an die vermeintliche Utopie des Kommunismus und von jenen, die der Faszination der durch nichts gehinderten Entfaltung staatlicher Gewalt erlegen sind, als weltlicher Messias, als ein "Weltgeist" - nicht zu Pferde (als den Hegel Napoleon Bonaparte sah), aber ganz im Geist Hegels als "Weltgeist im Panzerwagen" - angesehen wurde.

9. April 2017

葉楓 - 好預兆 (1962)

Die Sonntage immer den Künsten. Auch wenn es sich sich um leichte, seichte Werke handelt und die Verfertiger, nach den Worten des Schutzpatrons dieses Metiers, Heinz Erhardt, nicht von der Muse, sondern der Pampelmuse geküßt wurden.

7. April 2017

Versuchsballons

Große Schlagzeilen, schreckliche Bilder: Assads Luftwaffe hat wieder einmal Zivilisten im "Rebellengebiet" mit Giftgas angegriffen.
Und in üblicher Weise laufen sofort die Islamistenversteher à la Lüders oder Todenhöfer in deutschen Fernsehstudios auf und werfen Nebelkerzen. Parallel in üblicher Weise die Welle der Putintrolle im Internet, die in jeder halbwegs passenden Diskussion die "Russia-Today"-Version der Ereignisse verbreiten.
Man wisse ja angeblich nichts Verläßliches über die Vorfälle und es könnten ja auch die Rebellen selber gewesen sein und vor allem kommt natürlich das "cui bono": So ein Giftgasangriff wäre doch militärisch völlig sinnlos und damit gäbe es überhaupt keine Motivation für Putin/Assad, sich so zu exponieren.

Ach so?
Kleine Rückblende:

Zeitmarke. Vor 100 Jahren: Kriegserklärung der USA an das Deutsche Kaiserreich

­
Das historische Gedächtnis - jedenfalls soweit es sich in öffentlichem Gedenken, in der medialen Erinnerung und, im weitesten Sinn, dem, was man das "öffentliche Gedächtnis" nennen könnte - jener historischen Tiefendimension von spezifischen Ereignissen, die zu dem geworden sind, was der französische Historiker Pierre Nora als Liens de la mémoire, als "Gedächtnisorte", charakterisiert hat - dieser Gedächtnisraum hat, was die "Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts" anbetrifft, in den letzten drei Jahren, also seit der hundertsten Wiederkehr ihres Auftakts, eine seltsame Spaltung durchlaufen. Während die publizistische Evokation der Ereignisse im Sommer 2014, zwischen den Daten des Attentats von Sarajewo am 28, Juni bis zu den "Guns of August" - die Depeschen, halbherzigen Vermittlungsversuche, die Unbekümmertheit, mit der ein ganzer Kontinent sich anschickte, sich in einen historisch nie dagewesenen Schindanger zu verwandeln - sich wie ein basso ostinato gedämpft durch das mediale Rauschen zogen, neben der Ukrainekrise und den ersten Nachrichten über die Tagesordnung der alltäglichen Bestialität des "Islamischen Staates" - nicht zuletzt in den zahlreichen Besprechungen von Christopher Clarks eingehender historischer Studie Die Schlafwandler, die sich der Gemengelage von Blindheiten und historischen Fehlanalogien widmete, die die damaligen politischen und militärischen Führungen in einem noch im Nachheinein lähmenden Automatismus in dieses Desaster hineinstolpern ließ - während also die, man möchte sagen "Prähistorie", jenes endgültige Ende des Alten Europas des "langen neunzehnten Jahrhunderts" Publizisten und TV-Moderatoren präsent war, hat sich über die nachfolgenden Jahre, die eigentliche Urkatastrophe, ein seltsamer Nebel gelegt. Eine Leerstelle des historischen Gedächtnisses ist entstanden, in dem der Verlauf des Kriegs, die daran beteiligten Parteien, die über endlose Monate festgefressenen Materialschlachten mit ihren Hunderttausenden von Toten, die Auswirkungen auf das Leben in den daran beteiligten Ländern, nicht mehr vorkommt.

6. April 2017

Insel im Nebel. Deutschland im Smog.

Viel ist in den vergangenen Wochen zum Brexit geschrieben worden. Warum er kommen wird, warum er nicht kommen wird, dass er schlimm wird, dass er harmlos wird, was er für die NATO bedeuten wird, was er für Europa bedeuten wird, was er nicht für NATO und Europa bedeuten wird und noch vieles mehr. Auch in unserem kleinen Zimmer gab und gibt es eine erregte Diskussion, eher Debatte dazu, die sich vielfach an der Frage entfacht wie geschickt oder ungeschickt der Brexit von Seiten der Briten durchgeführt wird.

4. April 2017

"Osmoderma eremita"



Zur Abwechslung einmal eine ganz schlichte und ganz dumme Frage:

Was ist eigentlich aus den Juchtenkäfern geworden?




(Abb.: Wikimedia)




U.E.

© Ulrich Elkmann. Für Kommentare bitte hier klicken.

3. April 2017

Montag, d. 3. April 2017. "Im Dar al-Harb nichts Neues"







In Sankt Petersburg sind heute um die Mittagszeit durch einen terroristischen Anschlag mit einer Nagelbombe in der U-Bahn elf Menschen getötet und mindestens 47 verletzt worden. Das Bild einer Überwachungskamera zeigt den mutmaßlichen Täter.

(Bildquelle: Thomas Kindler)

Musikalisches Interludium: Shidaiqu. 吳鶯音 - 明月千里寄相思


"Ein Schlager von Rang ist mehr 1950 /
als fünfhundert Seiten Kulturkrise."
- Gottfried Benn, "Kleiner Kulturspiegel"

Um es mit einem Motto aus Michael Klonovskys Netztagebuch acta diurna zu halten: Die Sonntage immer den Künsten!

"Dies ist kein Musikblog", wie der Gründer dieses Webdiariums, dieser kleinen Ecke auf der Allmende des "globalen Dorfs" (Marshall McLuhan), einmal feststellte. Dennoch: am Tag des Herrn, und zumal zu einer Zeit, an dem die vehement ins Lotophagische umgeschlagene Jahreszeit nahelegt, den Ärger über die Verfahrenheiten von Politik und Alltag zugunsten der Illusion des unbekümmerten Seelebaumelnlassens entschlossen hintan zu stellen, sei auch ein Schlenker ins unverbrüchlich Hedonistische verstattet. Zumal wenn sich die Gelegenheit ergibt, dabei auf einen hierzulande völlig unbekannten musikalischen Kosmos hinzuweisen, den auch der Aufbruch der Medien unter dem Signum der "Weltmusik" nicht, zumindest noch nicht, an westliche Ohren hat branden lassen.

26. März 2017

Die Glaubwürdigkeit der CDU und das Merkel Problem

­Etwas mehr oder weniger Lustiges passiert in diesen Tagen, wenn man mal dann und wann durch den Blätterwald wandert und nicht nur die Schlagzeilen zu London oder den römischen Verträgen durchliest: Die CDU versucht es mit Programm. Kalt erwischt von dem unerwarteten Erfolg von Martin Schulz (der auch retrospektiv nur schwierig nachzvollziehen ist), ist der CDU scheinbar in diesen Tagen aufgegangen, dass sie gar nicht mehr so alternativlos ist, wie sie sich selber gerne sieht.

23. März 2017

Kleine Erinnerung: Vor 25 Jahren starb F. A. von Hayek

Nur als Erinnerung: vor einem Vierteljahrhundert, am 23. März 1992, starb in Freiburg im Breisgau, gut einen Monat vor seinem dreiundneunzigsten Geburtstag, der Mann, den der Endunterfertigte, bei allem Bewußtsein über die Verkürztheit eines solchen Urteils, für den bedeutendsten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts erachtet: Friedrich August von Hayek: bedeutendster Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften von 1974 und durch sein Buch The Road to Serfdom, 1944 zeitgleich mit Karl Poppers ungleich voluminöserem The Open Society and Its Enemies erschienen, zum maßgeblichen Kronzeugen gegen die Versuchungen des Kollektivismus, der Staatsvergottung - nicht nur in den Führerdiktaturen seiner Zeit, sondern gegen die allen staatlichen Organisationen innewohnenden Tendenzen - und des obersten Prinzips der Freiheit des Einzelnen als unabdingbarer Grundlage einer prosperierenden, auf Dauer angelegten Gesellschaft, die diesem Einzelnen erst den Wohlstand, die Freiheit, sich nach den eigenen Maßstäben zu entscheiden, ermöglicht. Hayeks grundsätzlicher Einspruch gegen alle utopischen Entwürfe, gegen die Anmaßungen von Intellektuellen, Philosophen und Politikern - und zwar egal von welcher Couleur, welcher wohlmeinenden Intention, welchen noch so hehren Idealen ihr Tun motiviert wird - entspringt der Einsicht, daß niemand über ein solches Wissen verfügt, verfügen kann, daß jede Gesellschaft sich zwar dem Tun der einzelnen Individuen verdankt, aber diese Gesellschaft nie das Resultat einer bewußten Planung sein kann. (Damit greift Hayek ganz bewußt eine Erkenntnis auf, die zwei Jahrhunderte vor ihm der schottische Aufklärer Adam Ferguson (1723-1816) formuliert hat.)

Marginalie: Mal wieder die Lückenpresse

Das Thema Lückenpresse (und artverwandte Wörter) ist ja nun schon öfter öffentliches Thema gewesen, zuletzt besonders nach dem Mord von Freiburg, aber auch insbesondere nach dem Kesseltreiben von Köln 2015, bei dem sich die Presse nicht nur alle Mühe gab, den Vorfall zu ignorieren, als auch möglichst lange den Hintergrund zu verschweigen. Wir alle wissen wie das ausgegangen ist, und auch wenn sich die Medien mühen zu betonen, dass die meisten Deutschen ihnen immer noch glauben, so dürfte die Glaubwürdigkeit der selben mit den Vorgängen zu Silvester und zu Freiburg schon deutlich eingebeult worden sein.

22. März 2017

Zum Welttag der Poesie: 杜牧 - 金谷园



Daß die Vereinten Nationen - in Gestalt ihrer Unterorganisation UNESCO - manche Tage des Jahres  unter ein besonderes Motto, ein Thema gestellt haben, einer Sache, die damit in den Aufmerksamkeitsfokus der Öffentlichkeit gerückt und gefördert werden soll, dürfte bekannt sein. Weniger bekannt dürfte sein, daß seit der Einführung des ersten Termins, dem "Tag der Vereinten Nationen" (24. Oktober) im Jahr 1948 im Lauf der Jahrzehnte Dutzend solcher Gedenk- und Memorialtage hinzugekommen sind. Wobei man es hier neben unzweifelhaft lobenswerten wie dem Welttag des Buches (23. April - wohl nicht zufällig Shakespeares Geburtstag) und dem Internationalen Mädchentag (11. Oktober) auch zu, nun, sagen wir gewöhnungsbedürftigeren gebracht hat: vom "Earth Day" (22. April) bis zum Weltyogatag (21. Juni, seit 2015). Der "Tag des Deutschen Butterbrotes" (am letzten Freitag im September; seit 1999) ist allerdings nicht in die Obhut der UN gestellt und beschränkt sich bis dato auf Schland.

Ebenfalls seit 1999, mit Gültigkeit seit dem Jahr 2000, gibt es nun am heutigen 21. März den "Welttag der Poesie". Auf der Netzseite der Deutschen UNESCO-Kommission liest man dazu folgendes:

Die UNESCO hat den 21. März zum "Welttag der Poesie" ausgerufen. Er wurde erstmals im Jahr 2000 begangen. Der Welttag soll an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern.
Die UNESCO weist der Dichtkunst auch im Zeitalter der neuen Informationstechnologien einen wichtigen Platz im kulturellen und gesellschaftlichen Leben zu. Der Welttag der Poesie soll Verlage ermutigen, poetische Werke besonders von jungen Dichtern zu unterstützen, und er soll dazu beitragen, den kulturellen Austausch zwischen den Völkern zu intensivieren.
Auf der Seite der Vereinten Nationen zu diesem Termin erfährt man des weiteren, daß der Termin in diesem Jahr dem Werk des georgischen Dichters Nikolos Barataschwili (1817-1844) gewidmet ist, was man als Erweis für die Notwendigkeit dieses Tages nehmen könnte, dieweil der Endunterfertigte bislang noch nie von ihm gehört hatte. Aber da sich meine Kenntnis der georgischen Literatur und Sprache überhaupt durch eine ebensolch flächendeckende Unkenntnis auszeichnet, sei gestattet, daß ich mein Scherflein zu diesem Tag aus einem anderen Bereich besteuere.

杜牧 - 金谷园
繁华事散逐香尘
流水无情草自春
日暮东风怨啼鸟
落花犹似坠楼人

Du Mu (803-852), "Garten im Goldenen Tal"

Von der blühenden Pracht bleibt nur süßer Staub.
Das Wasser fließt ewig, das Gras regungslos.
Am Abend, wenn die Vögel im Ostwind rufen,
Fallen die Blüten wie das Kleid eines Mädchens - vor so langer Zeit.

21. März 2017

Dummes, fast unkommentiert: "Voll reinbrettern in Trump"



Noch zu den Genossen von der SPD und ihrer respektvollen, erwachsenen Art, sich auf den kommenden Wahlkampf einzustimmen. Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, daß dergleichen nicht von einer Werbeagentur wie etwa Scholz & Friends kommt, sondern von einer - einstmals - großen und respektierten Volkspartei. Zudem: sollte sich hier zeigen, wie unsere Parteien das geistige und geschmackliche Niveau der Leute einschätzen, von denen sie gewählt werden wollen, läßt das tief blicken. Ganz nach der Devise: "Du bist über 18 und passionierter Gamer? Aber Tetris ist viel zu ambitioniert für dich? Dann haben wir für dich in der SPD genau das richtige Level."

In einem heutigen Artikel der Berliner "Morgenpost" liest man dies:
Berlin. Der Schulz-Zug rollt bei der SPD. Hundertprozentig. Und der Zug der Genossen ist nicht zu stoppen – jedenfalls virtuell. Denn beim Onlinespiel "Schulzzug.eu", mit dem die SPD seit dem Wochenende ihren Wahlkampf auf Touren bringen will, gibt es erst gar keine Bremse. Und auch sonst bietet die Fahrt den Mitspielern ein paar Überraschungen....
Plötzlich steht AfD-Chefin Frauke Petry auf dem Gleis. Oder Donald Trump. Oder Wladimir Putin, mit nacktem Oberkörper. Was tun, so ganz ohne Bremspedal? Ganz einfach: Wenn, so die Spielanleitung, "fiese Populisten versuchen, mit ihren rückwärtsgewandten, beschränkten und mauerorientierten Ideologien den Weg zu versperren", muss der Spieler als Lokführer mit dem Zug auf ein anderes Gleis ausweichen oder es überspringen, sonst gibt es Minuspunkte. Mit dem Europastern, den man unterwegs auflesen kann, hat der Zug aber "volle Energie", jetzt gibt es sogar Extrapunkte, wenn die Lok in Schranken kracht – oder in die Mauern mit den Politikern dahinter. Die getroffene Figur fliegt dann zur Seite, virtuelles Blut fließt nicht.
Entstanden ist das in der Anmutung eher bescheidene 8-Bit-Pixelgrafik-Spiel im Willy-Brandt-Haus, und als eine der ersten Testerinnen brachte SPD-Generalsekretärin Katarina Barley unter Jubel gleich US-Präsident Trump zur Strecke. "Erst einen Stern sammeln und dann voll reinbrettern in Trump", hatte ihr jemand erklärt, ein Video zeigt die Szene."
Von der bodenlosen Geschmacklosigkeit einmal abgesehen: was sagt das über das #neulandverständnis einer Partei, die ein Videospielniveau mit einer Optik für State-of-the-art hält, das die Industrie vor über 30 Jahren hinter sich gelassen hat? Offenkundig dies: daß man bei den Genossen nie über Pacman und Space Invaders hinausgekommen ist.

Und jetzt stellen wir uns, nur ein paar Sekunden lang, vor, die AfD etwa würde sich dergleichen mit Frau Merkel & Co. erlauben.

(Abgelegt unter #infantil #schulzomania #pack-man)

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Nachtrag 1: Mittlerweile hat der Wellenschlag in den sozialen Medien zu einer ersten Reaktion geführt.

SPON, 21.03.2017, 17:35:

Entwickler entfernen Frauke Petry aus Schulzzug-Game 
Martin Schulz ist seit Kurzem ein inoffizielles Videospiel gewidmet. Es ist auf plumpe Art provokant: Mit dem "Schulzzug" kann man politische Gegner umfahren - darunter Frauke Petry. Nun soll diese Funktion entfernt werden. ... In der Rolle des SPD-Zugführers Martin Schulz kann man Figuren, die an Frauke Petry, Wladimir Putin oder Donald Trump erinnern, umfahren. Das gibt zwar meistens Minuspunkte, aber nicht immer. Die Macher des Spiels möchten anonym bleiben. Auf Twitter antworteten sie am Dienstag aber schnell, wenn man sie auf die Crash-Funktion ansprach. "Die Populisten, die dem Schulzzug den Weg versperren und wie von einem Schneepflug zur Seite geräumt wurden, haben zu dem Missverständnis geführt, dass wir es gut finden würden, Menschen zu überfahren", antworteten sie per Direktnachricht. "Dem ist natürlich nicht so - das Spiel zielt nur auf die Ideologien und Weltanschauungen ebendieser Populisten ab." Als Reaktion auf Kritik am Spiel hätten sie sich mittlerweile entschlossen, "bis auf Weiteres auf diese Metapher zu verzichten": Als kurzfristige Lösung nehme man die Figuren, die auf den Gleisen auftauchen, erst einmal aus dem Spiel. Man arbeite an einer Alternative.
Die letzten fünf Worte der Mitteilung scheinen freilich leicht ungeschickt formuliert.

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Nachtrag 2: Es gibt einen, nun, hübschen Soundtrack für dieses Spiel und seinen Protagonisten. Daß dieses Stück für sensible Zeitgenossen den Inbegriff des deutschspezifischen Konzepts "Fremdschämen" darstellt, gibt der Sache erst die rechte ... Entschuldigung ... richtige Würze. 

Zweites Deutsches Fernsehen, 13.05.1972: "Rollt er nach nirgendwo? Es liegt am Ihnen! Er rollte ganz klar auf den ersten Platz."

"Es fährt ein Zug nach nirgendwo / mit mir allein als Passagier ... es fährt ein Zug nach nirgendwo / den es noch gestern gar nicht gab ..."





Ulrich Elkmann

© Ulrich Elkmann. Für Kommentare bitte hier klicken.

15. März 2017

Die Angst vor dem Wähler

Am Wochenende war es teilweise schwer seinen Augen zu trauen: Da stellt sich ein europäischer Ministerpräisdent, der ansonsten nicht unbedingt im Rufe steht, besondere Austeilerqualitäten aufzuweisen, auf die Hinterbeine und verwehrt per oberster Order dem Außenminister einer zumindest vordergründig befreundeten Regierung die Landeerlaubnis, ein zumindest ungewöhnlicher und direkter Affront. Als die Familienministerin eben jenes Landes versucht dem Ministerpräsidenten ein Schnippchen zu schlagen und eben doch "so hinten rum" dessen Willen außer Kraft zu setzen, wird diese gar zur unerwünschten Person erklärt und des Landes verwiesen. Man reibt sich die Augen: Was ist da passiert?

10. März 2017

Des Kaisers kurze Kleider

Der Verfasser dieser Zeilen ist alles andere als ein Kenner traditioneller Kleiderordnungen. Und gesellschaftliche Anlässe scheut er ohnehin wie der Teufel das Weihwasser. Aber wenn der neue Bundespräsident für seinen Amtseinführungsempfang den Dresscode "Dunkler Anzug/Kurzes Kleid" ausgibt, so hätte sich der Erdunterfertigte auch ohne einschlägiges Hintergrundwissen gedacht, dass dies keine Aufforderung an die weibliche Gästeschar darstellt, ihre Beine möglichst freizügig darzubieten. Gemeint ist damit vielmehr, dass die Damen keine Abendgarderobe tragen sollen. Was in den zur Dienstantrittsfeier des Staatsoberhauptes geladenen Kreisen auch so verstanden wird.

8. März 2017

Gedanken zur Freiheit der Wissenschaft

­Würde mich jemand fragen was Wissenschaft ist würde ich als erstes anmerken wollen, daß der Wortstamm im Grunde unglücklich gewählt wurde. Wissenschaft hat nämlich im Sinne des Wegs zu Erkenntnis sehr viel mehr mit Zweifel, denn mit Wissen zu tun. Sie sollte daher, beschreibt das Wort doch einen Prozeß nicht das Ziel desselben, viel eher "Zweifelschaft" heißen.

Nach Karl Popper ist Wissenschaft dabei ein Prozeß, welcher mit intersubjektiv überprüfbaren (also falsifizierbaren) Theorien versucht, empirische Beobachtungen zu beschreiben. Die formulierte Theorie wird dabei immer wieder mit empirischem Datenmaterial abgeglichen. Solange die Theorie diesem Vergleich standhält, kann man sie als aktuellen Kenntnisstand der Wissenschaft bezeichnen. Es ist allerdings per definitionem unmöglich die Theorie als absolut richtig zu beweisen, denn: Gleichgültig wie viele empirische Beobachtungen die Theorie auch bestätigen, kann niemals die Möglichkeit ausgeschlossen werden, daß eine empirische Beobachtung einmal der Theorie widersprechen könnte.

Yildirim, Çavuşoğlu, Erdoğan und der Wahlkampf in Deutschland. Ein Vorschlag zur Güte

Nun hat nach einigem leidigen Hin und Her also der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu seinen mit Spannung erwarteten Wahlkampfauftritt auf deutschem Boden absolviert - nach vergleichbaren (oder zumindest laut angekündigten) Whistle stops seiner Kabinettskollegen Binali Yildirim (Ministerpräsident), Bekir Bozdağ (Justizminister), Nihat Zeybecki (Wirtschaftsminister) und einer für die nächsten Wochen in Aussicht gestellten Visite des Präsidenten der Türkischen Republik Recep Tayyip Erdoğan. Daß dies im Zuge einer Werbekampagne bei den hier lebenden Staatsbürgern der Türkei zur Volksabstimmung am 16. April über die Änderung der laizistischen Verfassung erfolgt, mit dem die demokratische Verfaßtheit dieses Staates durch etwas ersetzt werden soll, das auch wohlwollende Beobachter als "Präsidialdiktatur" bezeichnen, mag man, als wohlwollender Schonlängerhierlebender, mit einem Lächeln als "innere Angelegenheit der Türkei" zur Kenntnis nehmen. Auch daß es sich - eigentlich - für Politiker anderer Staaten nicht ziemt, im Ausland Wahlkampf zu betreiben - egal ob nun in demokratisch blütenweißen Belangen oder zur Absegnung einer brutalen Autokratie: geschenkt. Weder Herr Trump noch Frau May, nicht Herr Wilders oder Mme. Le Pen haben sich hierzulande als Wahlkämpfer die Ehre gegeben, aber, so sollte man bedenken: sie verfügen in diesem Land auch nicht über eine Basis von Millionen potentieller Wähler, die es zu mobilisieren gilt. Von türkischen Politikern sind wir in Deutschland seit geraumer Zeit dagegen solche Auftritte gewohnt - und schließlich kennt sogar die Jurisprudenz das Konzept des Gewohnheitsrechts, nach dem Verstöße gegen den strikten Buchstaben oder den Geist der Gesetze durch fortdauernde Nichtsanktionierung zu ihrer stillschweigenden Suspendierung führen. Sicher, der umgekehrte Fall ist schwer vorstellbar: daß also Sigmar Gabriel, Heiko Maas und Brigitte Zypries in Antalya, Ankara, Kars oder Istanbul vor einem endlosen Meer schwarzrotgoldener Fahnen für die Wahl Herrn Schulzens oder Frau Merkels ein vergleichbares Schaulaufen veranstalten könnten. (Der kleine Zyniker gibt an dieser Stelle zu bedenken, daß solche Staatsinsignien im Fall von Frau M. geeignet sein könnten, Unwillen auszulösen - weshalb die Gewohnheit der türkischen Regierung, sie bei ihren zahlreichen Besuchen am Goldenen Horn vor riesigen türkischen Flaggen zu plazieren, nicht etwa einen Bruch der diplomatischen Etikette darstellt, sondern von Rücksichtnahme zeugt.)

6. März 2017

Die innere Ruhe oder der Aufstand?

Der türkische Präsident Erdogan hat mal wieder alle Hände voll zu tun, möglichst viel Platz in deutschen Zeitungen zu erlangen. Nun, es ist ihm gelungen. Sein Nazi-Vergleich ist wunderbar geeignet in Deutschland maximal zu provozieren und Aufmerksamkeit ist ihm absolut sicher. Man darf sich fragen, warum er das macht.

3. März 2017

Zitat des Tages: "Ich halt mich als Moderator neutral raus"

„Aber weißt Du, wir müssen in so einer öffentlich-rechtlichen Sendung, wir müssen aufpassen, ich glaube, man darf da nicht zu oft drüber sprechen im Fernsehen, das kann wahnsinnig schnell… weil jetzt, allein dass wir jetzt darüber geredet haben ist schon für mich die Gefahr… ich halt mich als Moderator neutral raus, ist ein schwieriges…ich würde...ich mache folgenden Vorschlag: Wir reden da nicht weiter drüber, wir reden jetzt über Musik.“
Jan Böhmermann im Interview mit dem Rapper Kollegah im Gespräch über gegen diesen geäußerte Antisemitismusvorwürfe, NEO MAGAZIN ROYALE vom 02.02.2017 

Kommentar:
Dass ich als weitgehender Böhmermannabstinenzler überhaupt auf das Thema gekommen bin, habe ich Martin Sehmisch zu verdanken, der bei den Salonkolumnisten ausführlich darüber berichtet hat. Was Sehmisch hier schreibt, ist alles richtig - ich möchte aber gerne noch einen weiteren Punkt beleuchten: 

Dass Böhmermann behauptet, sich als Moderator bei einer politischen Frage "neutral rauszuhalten", ist der Witz des Jahrhunderts. In derselben Sendung zeigt er ganz klar "Haltung" gegen Trump ("Der Präsident der USA ist ein oranger Psychopath, der gesteuert wird von 'nem versoffenen Nazi"), Brexit ("Boris Johnson is a big wanker and Nigel Farage, too. Don't listen to them"), Seehofer ("Lachen wie im Bürgerbräukeller") und ähnliche Themen, die zu behandeln er im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht als "Gefahr" für sich selbst sieht.

1. März 2017

Fastenzeit

Karneval ist vorbei, jetzt kommt laut kirchlicher Tradition die Fastenzeit. Da verzichtet man auf manche schönen Sachen, insbesondere leckeres Essen und Trinken. Einige Wochen bestraft man sich selber für seine Sünden und tut Buße.

Und da für manche Leute Umwelt- und Klimaschutz die neue Religion ist, wird auch die Fastenzeit entsprechend abgewandelt. "Autofasten" fordern die Grünen im und außerhalb des Bundesumweltamtes. Immerhin - sie erkennen also inzwischen, daß Autofahren etwas Schönes ist.

Aber so ganz haben sie es doch nicht verstanden. Denn Ziel ihres Fastens ist es, daß die Leute gar nicht mehr damit aufhören. Daß sie einmal im Bus oder auf dem Rad sitzend begeistert sind von ihrem Verzicht und immer so weitermachen wollen. Der wahre Grüne müßte eigentlich umgekehrt fasten: Das Jahr über fröhlich den ÖV nutzend, um sich dann in der Fastenzeit ins Auto zu quälen.

Dieser Fastenaufruf ist nicht nur die übliche dümmliche Volkspädagogik, die davon ausgeht, daß die Menschen zu dumm und unwissend sind um von der Existenz von Bussen und Fahrrädern zu wissen und nur deswegen Auto fahren, weil ihnen bisher keiner von den Alternativen erzählt hat.
Das ist vor allem auch keine realitätsnahe Einstellung zum Fasten. Denn nach dem Fasten schmecken der Braten und der Wein doch wieder besonders gut, macht das Gasgeben erst recht wieder Spaß. Die Bundesumwelt-Bußprediger beweisen mit dieser Aktion wieder einmal, daß man wohl die komplette Behörde problemlos auflösen könnte.

Nicht ans Dogma hält sich der grüne Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu. Er ruft nicht zum Autofasten auf, sondern zum Autokorso um gegen die Unterdrückungspolitik Erdogans zu protestieren.
Nach Ansicht dieses Autors ist das die wesentliche lebensnähere, sympathischere und moralisch überlegene Einstellung.


R.A.

© R.A.. Für Kommentare bitte hier klicken.

Marginalie: Der ach so freche Karneval

Für Nicht-Rheinländer ist die berüchtigte fünfte Jahreszeit oftmals nur schwer zu verstehen und noch schwerer zu verdauen. Jetzt sind wir alle auf Kommando lustig. Ist nicht jedem Seins. Und wer keinen Alkohol trinkt für den ist es dann noch schwieriger. Aber an für sich undramatisch, beschränkt sich der Unsinn bekanntlich im Wesentlichen aufs Rheinland, deshalb soll der Karneval selbst auch hier nicht das zentrale Thema sein, sondern nur ein Teilaspekt davon. Der "freche" Teil.

28. Februar 2017

Aschermittwoch der Jongleure

Der Jongleur kann von den drei bis fünf Bällen oder Keulen immer nur zwei mit der Hand halten, die andern müssen in der Luft sein, das ist die große Kunst. Unsere Kirchenvertreter wollen das jetzt auch hinkriegen: Evangelische und katholische Kirche in der Hand, die ökumenische und das Gottesreich in der Luft. Beim Luther-Fest „Wie im Himmel so auf Erden“ soll es noch viel toller werden: Himmel und Erde in den Händen, in der Luft die Verbindung alles Getrennten im Gottesreich. Denn: Martin Luther wollte die Kirche ja nicht spalten, sondern reformieren. „Wie im Himmel, so auf Erden" ist das Leitwort des geplanten Ökumenischen Festes im September in Bochum. Da ist aber etwas zu Boden gefallen.

23. Februar 2017

(Un)bedingt wehrfähig?

Ob es wirklich nur eine Marginalie ist mag jeder für sich selbst entscheiden, aber unser frischgebackener Außenminister glänzte auf der ­ Münchner Sicherheitskonferenz am letzten Samstag (also der Konferenz wo man den Amis mal Bescheid stossen wollte, wie das demnächst in der Nato laufen soll) mit der tiefschürfenden Erkenntnis, die Nato-Länder sollten nicht in Glückseeligkeit(?) über eine neue Aufrüstungsspirale verfallen. Ebenso verkündete er, dass man die laut Nato-Übereinkunft zu niedrigen Ausagen der Deutschen, nicht "überinterpretiert" werden sollten und er jedenfalls nicht wisse, wo man das Geld dafür hernehmen solle.

21. Februar 2017

Besser Lesen

Der klassische Journalismus ist in der Krise, von den Qualitätsproblemen vieler Medien war hier im Blog schon oft die Rede.
Das Internet gilt der einen Seite als Ursache dieser Krise. Weil es "kostenlos" Inhalte bereitstellt und damit das Geschäftsmodell der Verlage gefährdet und weil dort unkontrolliert Sachen veröffentlicht werden können, die nicht durch eine Redaktion gelaufen sind.
Der anderen Seite gilt genau das als Chance und Zukunftshoffnung. Die etablierten Redaktionen werden als Einschränkung und Zensur gesehen, das preiswerte Publizieren als Möglichkeit neue Sichtweisen unters Volk zu bringen.

Klar ist auf jeden Fall, daß gute Recherche und vollständige Information viel Arbeit und Aufwand bedeuten. Wer soll das künftig leisten? Wird es im Internet einen besseren Journalismus geben können?
Es gibt Beispiele, die machen da Hoffnung.

Wenn der Mehltau zurück schlägt: Herr Danisch und der MDR

Zum Jahreswechsel machte sich unser Mitautor Noricus in seinem Jahresrückblick ein paar Gedanken dazu, dass 2016 ein Jahr war, in dem der Mehltau nicht nur in Deutschland langsam etwas schwand. Dem ist unbedingt zuzustimmen, und man soll die Hoffnung nicht ablegen, dass auch 2017 ein Jahr sein wird, in dem wir mehr auf den Boden der Tatsachen zurückkehren und die verkrusteten Strukturen weiter aufbrechen. Aber ebenso muss man gerade dann damit rechnen, dass diejenigen, die den Mehltau erst geschaffen haben, die von ihm profitieren und ihn für eine Notwendigkeit halten, kaum tatenlos dabei zusehen werden, wie man ihren Sumpf trocken legt. Oder anders gesagt: Man beisst zurück. Ein solches Beispiel ist dem Blogger Hadmut Danisch diese Woche wiederfahren.

20. Februar 2017

Miszelle: Trump und Schweden. Eine kleine Richtigstellung

Der Aufreger unserer geschlossen agierenden Medienlandschaft in ihrer nicht nachlassenden Verbellung der Ahnungslosigkeit, der Ignoranz, ja Bösartigkeit des amtierenden amerikanischen Präsidenten war eine Äußerung, die er am Samstag auf einer Kundgebung in Melbourne im Bundesstaat Florida tat, und in der er zur Rechtfertigung seines - vorerst vor Gericht gescheiterten zeitweiligen Einreisestops für Bürger aus sieben islamischen Ländern auf das Beispiel Schwedens verwies: "look at what happened in Sweden last night." Einhellig lautete der Tenor der hiesigen Medienberichte nun den ganzen Tag über, daß in Schweden "nichts vorgefallen sei," und schon gar kein Terroranschlag.


17. Februar 2017

Zar und Wagenknecht

Die Umfragen und die Medienbegeisterung gehen immer stärker in Richtung Rot/rot/grün - da wollen die Kommunisten im Bundestag schon mal die außenpolitischen Pflöcke einrammen.
Eine "neue Ostpolitik" fordern Wagenknecht und Co. Und die sieht verblüffend so aus, wie die DDR-Ostpolitik vor 1990.

15. Februar 2017

"Det 'gnostika mörkret'": Trump and Circumstance






In einem bewegten Traum sah ich alles erklärt:
Feierlich schwebt Otto Lilienthal im Gleitflugzeug
den steilen Hügel bei Großlichterfelde hinab.
Ein heftiger Wind blies, wie für Drachen,
und jemand sprach eintönig von der „gnostischen Finsternis".
Es war eine Warnung, ein Flüstern, das kam und ging.

- Lars Gustafsson - "Die Gebrüder Wright besuchen Kitty Hawk" (Bröderna Wright uppsöker Kitty Hawk, 1967)

Zu den grundlegenden Prinzipien der Rationation, die der berühmteste Detektiv der Geschichte, so berühmt, daß ihn seine Fan nur als den Großen Detektiv, the great detective, kennen, seinem Adlatus, Amanuensis und Chronisten Dr. Watson ans Herz legte, gehört bekanntlich die Faustregel: "Whenever you have eliminated the impossible, whatever remains, however improbable, must be the truth" - daß, wenn man das Unmögliche ausschließt, der verbleibende Rest, egal wie unwahrscheinlich er sich ausnehmen mag, die Wahrheit sein muß. (Der Ratschlag findet sich im 6. Kapitel des Romans Das Zeichen der Vier/The Sign of the Four von 1890.) Die Betonung des mathematischen Prinzips der Wahrscheinlichkeit, der Probabilität, liefert uns daei vielleicht einen Schlüssel, einen gemeinsamen Nenner zu einer Vielzahl von kleinen wie großen Ereignissen des Weltlaufs der letzten Zeit. Das jedenfalls als eine ludische Hypothese, ein jeu d'esprit, ein bewegter Tagtraum, der alles erklärt.

Es könnte ja sein, angesichts der Häufung der gespenstisch unwirklichen Ereignisse, mit denen man als Zuschauer des Weltlaufs und seines medialen Widerscheins seit geraumer Zeit schikaniert wird, um eine Manifestation eines grundlegenden Prinzips (genauer gesagt: dessen Außerkraftsetzung) handeln. Brexit, der Wahlausgang jenseits des Atlantiks, die wie im Eis erstarrte Reaktionslosigkeit der hiesigen Politik (oder, um einen Tropos der spekulativen Fiktion zu bemühen: in temporaler Stasis): jedes einzelne dieser beunruhigenden Phänomene ließe sich mit Unwissenheit, mit ungeschickt angekreuzten Wahlzetteln, mit spätrömischer Dekadenz erklären - ihre Häufung legt nahe, sie als Epiphänomene eines tieferliegenden Prinzips zu betrachten. Angesichts der von allen Experten erklärten Unwahrscheinlichkeit, 
die sich in ihnen manifestiert, lohnt es sich vielleicht, bei der Suche nach einem gemeinsamen Nenner in dieser Richtung zu beginnen.

Die Probabilität, die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Ereignis eintritt, gehört in der Mathematik zu den grundlegendsten, festesten Prinzipien. Daß nach einer genügend großen Zahl von Würfelwürfen die Summe der erzielten Augen, geteilt durch die Anzahl der Würfe, bei 3,5 einpendeln wird, ist ebenso eiserner Bestandteil der Einrichtung der Welt wie die Tatsache, daß eine geworfene Münze zwar drei- oder viermal der gleichen Seite zu liegen kommen kann, sich nach wenigen Dutzend Hochschnippereien aber ein Patt zwischen Kopf und Zahl zeigen wird. Versicherungen nehmen dies als Berechnungsgrundlage ihrer Risikobewertungen, ebenso wie Katastrophenplaner (eine Karambolage zwischen Automobilen ist um Größenordnungen wahrscheinlicher als der verheerende Einschlag eines Meteoriten; und diese Größenordnungen lassen sich erstaunlich präzise beziffern); selbst die Taxierung radioaktiver Strahlung unterliegt diesem Gesetz: der Zerfall jedes einzelnen instabilen Atomkerns ist rein stochastisch bestimmt; aber die Rate des Zerfalls samt der dabei freiwerdenden Energie läßt sich bis auf hinreichende Stellen nach dem Komma voraussagen. Wann ein Atom des Uranisotops 235 zwischen jetzt und dem Ende des Universums zerfallen wird, weiß niemand, nicht einmal die Götter, aber daß von einem Kilogramm dieses Teufelszeugs nach 703,8 Millionen Jahren 500 Gramm sich per natürlicher Alchemie in andere Elemente verwandelt haben werden, daran beißen selbst die Olympischen keinen Faden ab. 

9. Februar 2017

Das mediale Kesseltreiben gegen Trump. Nachtrag



Die konzertierte Treibjagd im Jurassic Park der vierten Gewalt auf den gefährlichsten Predator unserer Zeit, nimmt mitunter Züge an, denen man eine gewisse Ironie nicht absprechen kann. Die amerikanische Ausgabe der ursprünglichen rein britischen Wochenzeitschrift "The Week" hat auf dem Titelbild ihrer amerikanischen Ausgabe vom 28. Oktober 2015, gut zehn Tage vor der Wahl, ihre Leser auf die erwartbare Reaktion der Fans des Trumposaurus Rex, der Dunkelamerikaner und deplorablen Abgehängten vorbereitet. Die sich nicht mit ihrer unausweichlichen Niederlage abfinden würden (wer weiß: vielleicht würden sie am Ende gar Moskaus Cybernauten beschuldigen, die Wahl manipuliert zu haben - "if they think it's stolen"?), im Gegensatz zu den Parteigängern Frau Clintons, die eine (absolut unwahrscheinliche) Wahlniederlage enttäuscht, niedergeschlagen, aber gefaßt akzeptieren könnten, wie es der langen demokratischen Grundierung im Land of the Free entspricht. 

5. Februar 2017

Zwei Randnotizen: Schulz zum ersten und zum zweiten

Wenn es die Woche ein Ereignis gab, dass einen wirklich zum nachdenken bringt, dann ist es der plötzlich Höhenflug der SPD unter Martin Schulz.

4. Februar 2017

Neues von der Lügenpresse II: Das trumpsche Kesseltreiben

Der Begriff Lügenpresse war schon des Öfteren Thema in Zettels Raum und hat nicht zuletzt durch die geplante Einrichtung eines Wahrheitsministeriums um den scheinbar so allgegenwärtigen "Fake-News" begegnen, weitere Bedeutung gewonnen. An dieser Stelle möchte ich allerdings auf einen Seitenaspekt eingehen, der eben nicht direkt mit dem Begriff der Gesinnungspresse (der Begriff gefällt mir immer noch am besten) assoziiert ist, aber in meinen Augen mindestens ebenso schwer wiegt, wenn nicht sogar schwerer als die direkte Wirkung der falschen Information. Und zwar die irgendwann schlicht nicht mehr vorhandene Information.

1. Februar 2017

Schulz und der Doppelpass - Ein Gedankensprung

Zu Martin Schulz wurde schon alles gesagt, und zwar fast wirklich von jedem (natürlich auch vom Verfasser dieser Zeilen). Eine Auseinandersetzung mit dem bisweilen zum Vorschein gekommenen Nasenrümpfen über die früheren persönlichen Probleme des SPD-Kanzlerkandidaten erübrigt sich genauso wie der Hinweis, dass ein gelernter Buchhändler in dem Dickicht aus vollendeten und abgebrochenen Akademikern einen erwünschten Vielfaltsakzent setzen könnte und dass ein ehemaliger Bürgermeister einer mittelgroßen Stadt den vom rauen Klima der Außenwelt abgeschirmten Gewächsen aus den Parteitreibhäusern an praktischer Regierungserfahrung überlegen sein dürfte.

29. Januar 2017

Grundsätzliches (1): Heimat

Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!
[...]
Weh dem, der keine Heimat hat.

Friedrich Nietzsche, "Vereinsamt"

Die Geburt ist die Urkatastrophe des Lebens und wie der Tod eine Konstante desselben. Alle Menschen werden geboren, alle Menschen sterben. Deshalb hat jeder Mensch einen Geburts- und einen Todesort.

Mit dem Geburtsort sind wir zeit unseres Lebens auf gar nicht wunderbare, sondern bürokratische Weise verbunden. In so manchem offiziellem Dokument ist er verzeichnet, und auch diejenigen, die gleich nach ihrem Erblicken des Lichtes der Welt an andere Gestade verschifft werden und nimmermehr zurückkehren, bleiben durch ihre Personenstands- und Identitätsdokumente von der Wiege bis zur Bahre an denjenigen Erdenpunkt erinnert, an dem sie zum ersten Mal Festland betraten.

28. Januar 2017

Trump, die AFD und der politische Kompass. Das Konzept der Ideologie sui generis

Einer der größten propagandistischen Erfolge der Linken (gemeint ist das Lager, nicht die SED) dürfte es sein, im kollektiven Bewusstsein die Vorstellung von einem rechten Spektrum verankert zu haben, in dem zwischen den konservativen Parteien und den Nazis respektive Faschisten angeblich nur ein gradueller Unterschied besteht. Die von dieser Mär Betroffenen sind an dieser Mystifikation freilich nicht ganz unschuldig. Denn so weist zum Beispiel die Strauß-Doktrin, der zufolge es rechts von der CSU keine Partei geben darf, in genau diese konzeptuelle Richtung.

Dabei drängen sich Zweifel an einer derartigen Theorie geradezu auf: Wer die Bezeichnung Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei als Etikettenschwindel abtun möchte, gerät schnell in einen Beweisnotstand. Das 25-Punkte-Programm der Bewegung aus dem Jahr 1920 dürfte jedenfalls ab der Forderung Nummer 12 in linken Gehirnen einen gewissen Appeal entfalten. (Exkursweise sei vermerkt, dass in Punkt 23 zum "gesetzlichen Kampf gegen die bewußte politische Lüge und ihre Verbreitung durch die Presse" aufgerufen wird. Nur gut, dass heutzutage dergleichen nicht zur Debatte steht.)

27. Januar 2017

Ich bin nicht wie ihr. Ein Gedankensplitter.

Kennen Sie Garzweiler, lieber Leser? Den Älteren mag es ein Begriff sein, den Jüngeren vermutlich eher weniger. Garzweiler war (oder ist) eine Ortschaft im west­liche Rheinland und musste in den achtziger Jahren dem gleichnamigen Braunkohletagebau weichen. Weichen bedeutet in diesem Fall, dass die ganze Ortschaft ins benachbarte Jüchen umgesiedelt wurde. Was wiederum sich erklärt, als das man den Dorfbewohnern ihren Grundbesitz nahm und ihnen neue Häuser in einigen Kilometern Entfernung baute. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch auf der Schule war, hatte ich die Gelegenheit in einem Tagesausflug sowohl den Tagebau zu besichtigen als auch das anschließende "Neu-Garzweiler" zu besuchen. Meine liberale Seele war damals wohl noch zu unterentwickelt, aber ich weiß bis heute, dass der eigentliche Fakt, dass man den Leuten mit staatlichem Zwang im Namen des "Höheren Gutes" ihren Besitz enteignet hat, mich nicht so sehr angefochten hat. Aber was bis heute in Erinnerung blieb war die Ortschaft "Neu-Garzweiler". Denn sie war erschreckend.

25. Januar 2017

Die rote, heiße Kartoffel - Gabriel will nicht, Schulz muss

Glücklicherweise sind SPD-Spitzenpolitiker Menschen und keine von Meister Geppetto zum Leben erweckten Holzfiguren, denn sonst würden ihre Nasen in einem branchenüblichen deutschen Pressekonferenzsaal keinen Platz mehr finden. Sigmar Gabriel verzichtet also auf die Kanzlerkandidatur und lässt Martin Schulz den Vortritt. Der hatte zwar noch vor kurzer Zeit auch keinen richtigen Zug zum Tor und dürfte nach Meinung vieler Stimmberechtigter den Negativcharme des Eurokraten versprühen, aber es gibt offenbar Umfragen, die dem ehemaligen Bürgermeister von Würselen bessere Wahlchancen einräumen als dem Noch-Wirtschaftsminister. Der Brexit und Trump grüßen mit schadenfrohem Lächeln.

24. Januar 2017

Das nationale Gedächtnis

Björn Höcke hat die AfD-Strategie der "sorgfältig geplanten Provokation" erfolgreich angewendet. Mit der Gewissheit im Rücken, dass seine Vorstandskollegen ihm entweder zustimmen oder sich aus Gegnerschaft zu Petry auf seine Seite schlagen, konnte er eines der letzten nicht herbeiphantasierten Tabus brechen - nämlich einen Schlussstrich mit der Nazivergangenheit von rechts zu verkünden (von links geht das unter dem Deckmantel der Israelkritik mittlerweile ganz gut).

Mir geht es hier nicht darum irgendwelche Apologeten der Rede oder sein anschließendes Halbdementi zu entkräften - damit sollen sich die Parteigremien oder Wähler der AfD beschäftigen, wenn sie sich die Frage stellen, ob sie ihn für tragbar oder unterstützbar halten. Da habe ich keine Aktien, drum kann es mir auch vollkommen egal sein, ob das tatsächlich Höckes innerste Überzeugung ist oder nur ein PR-Gag - die Rede ist in der Welt und wird diskutiert - auch hier im kleinen Zimmer. Und da der User schattenparker eine Frage zum Inhalt gestellt hat, möchte ich gerne darauf eingehen und meine Sicht schildern. 

23. Januar 2017

No, you couldn't

­In den nächsten Wochen werden wahrscheinlich Dutzende von Artikeln erscheinen, die sich mit der Präsidentschaft von Barrack Obama beschäftigen. Gerade in der deutschen Presse werden vermutlich einige Artikel, gerade in Bezug auf Donald Trump erscheinen, die seine Präsidentschaft in ein letztes großes Licht tauchen werden, bevor Amerika dann in den Abgrund versank.
Deswegen möchte ich ein bischen vorgreifen, und vielleicht die eine oder andere Aussage zu Obamas Präsidentschaft in den Raum stellen.

20. Januar 2017

Donald J. Trump: Antrittsrede als Präsident der USA


"So to all Americans, in every city near and far, small and large, 
from mountain to mountain, from ocean to ocean, hear these words. 
You will never be ignored again. 
Your voice, your hopes and your dreams will define our American destiny. 
And your courage and goodness and love will forever guide us along the way."







(Es gibt Momente, da ist es ratsam - um die passenderen Vokabeln wie "Fairness" oder "Anstand" außen vor zu lassen - ein Geschehen, eine Äußerung einfach nur zu dokumentieren: zum Nachlesen, zum Anschauen. Und um in diesem Fall - der, so scheint es mir, im Nachhinein wirklich "historisch" genannt werden wird - von der Häme, der mutwilligen Hintansetzung aller journalistischen Tugenden, der, es gibt kein anderes Wort dafür: Niederträchtigkeit abzugehen, mit denen sich unsere Medien in den letzten Tagen und Wochen vor der Amtseinführung von Präsident Trump überboten haben. Aus diesem Grund sei es erlaubt, die Rede, die Donald J. Trump heute in Washington aus Anlaß seines Amtsantritts als fünfundvierzigster Präsident der Vereinigten Staaten gehalten hat, vollständig und im Wortlaut zu dokumentieren. - U.E.)

*     *     *     *     *


Chief Justice Roberts, President Carter, President Clinton, President Bush, President Obama, fellow Americans, and people of the world: thank you.

We, the citizens of America, are now joined in a great national effort to rebuild our country and restore its promise for all of our people. Together we will determine the course of America and the world for many, many years to come. We will face challenges. We will confront hardships, but we will get the job done.

Every four years we gather on these steps to carry out the orderly and peaceful transfer of power, and we are grateful to President Obama and First Lady Michelle Obama for their gracious aid throughout this transition. They have been magnificent. Thank you.

19. Januar 2017

Insel im Nebel

Endlich hat Theresa May ihre große Rede zum Brexit gehalten. In einem "12-Punkte-Konzept" legt sie ihren Wählern dar, was die britische Regierung nun eigentlich sieben Monate nach dem Referendum zu tun gedenkt.

Die Reaktionen waren vorhersehbar: Diverse Politiker auf dem Kontinent zeigen sich wieder einmal geschockt darüber, daß das UK austreten möchte. Und die Brexit-Anhänger auf beiden Seiten des Kanals jubeln, weil es May ihrer Ansicht nach den EU-Offiziellen mal so richtig gegeben hätte.

Aber wenn man sich die Rede mal genauer anschaut, dann findet man da: Gar nichts. Jedenfalls nichts Neues.

18. Januar 2017

Ein klarer Verstoss gegen das Schienbein

Man sollte meinen mit ein paar Tagen Abstand würde auch die altehrwürdige FAZ bemerken, dass der "etwas" weinerliche Artikel von Herrn Hanfeld zur Ausladung seines Kollegen eher etwas über die FAZ verrät als über die AfD. Und das man angesichts einer solchen Selbstdemontage vielleicht doch etwas stiller zu dem Thema sein könnte. Doch weit gefehlt, die FAZ legt nach, oder, wie der Kollege Danisch wohl schreiben würde, dreht jetzt endgültig hohl.

17. Januar 2017

Die NPD wird nicht verboten. Was das für den Kampf gegen Rechts bedeutet

Die NPD wird nicht verboten. Dies hat das Bundesverfassungsgericht in seinem heute verkündeten, mehr als 1000 Randnummern umfassenden Urteil entschieden. Wer sich nicht durch den Entscheidungsvolltext quälen möchte (der Verfasser dieser Zeilen wollte dies jedenfalls bislang auch nicht), kann mit der Pressemitteilung und/oder der Kurzbesprechung von Sven Jürgensen auf dem Verfassungsblog vorliebnehmen.

16. Januar 2017

Der Holzweg linksliberaler Europäer

"Ich heirate eine Familie" hieß das vermutlich erste matrimoniale Patchwork-Experiment im deutschen Unterhaltungsfernsehen, damals in den 1980er-Jahren, in die nach Ansicht des hiesigen Qualitätsjournalismus das dem Rechtspopulismus nahestehende Bevölkerungssegment wieder zurückmöchte.

"Ich heirate den Islam" ist ein in der ZEIT Nr. 51/2016 vom 8.12.2016 erschienener, auf ZEIT-Online offenbar noch leicht veränderter Beitrag überschrieben, der von der schwierigen Liebesgeschichte zwischen einem "deutschen Atheisten mit christlichen und jüdischen Wurzeln" und einer muslimischen Tunesierin erzählt. Der Text zeigt in erschreckender Art und Weise auf, dass seit den 1980er-Jahren im linksliberalen Milieu ziemlich viel in die falsche Richtung gegangen ist.

15. Januar 2017

Marginalie: Die spielen nicht mit mir

­"Die spielen nicht nicht mit mir, die sind alle doof" dürfte vielleicht einer der Sätze sein, die nahezu jeder Vater oder jede Mutter vom Nachwuchs in der einen oder anderen Form schon einmal gehört hat. Meistens von einem verheulten Kind, dass die Welt nicht mehr versteht und nun ganz dringend getröstet werden muss. Das Kind möchte in dieser Situation nicht darüber diskutieren, dass es vielleicht nicht so clever war den Ball in den Fluss zu schiessen oder die anderen eben alle als doof bezeichnet zu haben, es will eigentlich nur getröstet werden und sucht nicht zuletzt auch eine Bestätigung beim liebenden Vater, respektive der liebenden Mutter, dass "die anderen" tatsächlich alle blöd sind. Und wenn der Vater oder die Mutter das Kind auch lieb hat, dann wird es im ersten Moment dem nicht nur nicht widersprechen, sondern eher zustimmende Worte finden.

12. Januar 2017

Und wenn sie nicht gestorben sind, so kapieren sie es immer noch nicht.

­
In der FAZ ist ein interessanter Artikel zur politischen Entwicklung in einer Kleinstadt (Haßloch) irgendwo in Deutschland. Es ist ein Rührstück über zwei Lokalpolitiker (CDU & SPD) die ausziehen um dem Bürger aufs Maul zu schauen und sich zu erkundigen, warum ihnen die Wähler wegbrechen. Das Motiv der beiden mag ehrenhaft sein (schließlich sollte es die Aufgabe von Politikern sein, sich auch für das zu interessieren, was die Bürger eigentlich wollen), aber Vorgehensweise wie insbesondere Berichterstattung darüber sind in sich selbst ein wunderbarer Eulenspiegel warum das ganze vollkommen schief geht.

10. Januar 2017

Zum Tod von Roman Herzog

Es gibt viele, allerdings völlig unsachliche Gründe, weshalb der Verfasser dieser Zeilen den heute verstorbenen Altbundespräsidenten Roman Herzog mochte. Einigermaßen objektivieren lässt sich vielleicht noch die Anerkennung, die der Endunterfertigte dem früheren Verfassungsrichter für seine federführende Rolle bei der Ausarbeitung der Europäischen Grundrechtecharta zollt.

Herzog war das vorletzte Staatsoberhaupt, das nicht - wie später Horst Köhler und Christian Wulff - infolge von Medienkampagnen zurücktrat und das nicht wie der derzeitige Amtsinhaber zur Spaltung der deutschen Gesellschaft auch noch beitrug.

Herzog stand dem Land während des Reformstaus in der späten Kohl-Ära vor. Seine sogenannte Ruck-Rede ist Teil des kollektiven Gedächtnisses der Bundesrepublik. Es seien daraus nur einige Passagen zitiert, die auch heute noch Gültigkeit besitzen:
Wer bestimmt überhaupt noch den Gang der Gesellschaft: diejenigen, die die demokratische Legitimation dazu haben, oder jene, denen es gelingt, die Öffentlichkeit für ihr Thema am besten zu mobilisieren?
[...]
Wäre es nicht ein Ziel, eine Gesellschaft der Selbständigkeit anzustreben, in der der Einzelne mehr Verantwortung für sich und andere trägt, und in der er das nicht als Last, sondern als Chance begreift?
[...]
Bildung muß das Megathema unserer Gesellschaft werden. Wir brauchen einen neuen Aufbruch in der Bildungspolitik, um in der kommenden Wissensgesellschaft bestehen zu können.
Roman Herzogs Stimme wird fehlen.

Noricus

© Noricus. Für Kommentare bitte hier klicken.

Der Aufstand um den Anstand und das Hauptgebot der Fairness

Der Verfasser dieser Zeilen hat das Wort "Anstand" in den vergangenen Monaten sicher häufiger im öffentlichen Diskurs gehört und gelesen als im Vierteljahrhundert zuvor. Oft begegnete die Vokabel in einem Kontext mit dem Wahlkampf Donald Trumps, obwohl seine Konkurrentin auch den einen oder anderen Ordnungsruf verdient hätte. Bei den Umkleidekabinenparolen des designierten US-Präsidenten stellte sich das aparte Ergebnis ein, dass Altkonservative (die in den Medien freilich so gut wie nicht repräsentiert sind) und das linksliberale Mehrheitsmilieu (das in der Presse überproportional vertreten ist) in der Ablehnung dieser Aussagen übereinstimmen dürften, wenn auch mit unterschiedlicher Begründung.

9. Januar 2017

Miszelle: Die Antithese zu Frau Merkel. Ein Phantombild.





Wie immer auch das Wahljahr 2017 ausgehen wird - mit den Landtagswahlen im Saarland am 26. März, am 7. Mai in Schwesig-Hohlstein und eine Woche darauf in Nordrhein-Westfalen und nach der anstehenden Sommerpause mit der Bundestagswahl am 24. September (die GRÜNEN scheinen aktuell im Distinktionswettbewerb um die Terminierung mit dem schlechteren Blatt gepokert zu haben) - eins kann man bereits konstatieren, ohne sich als Prophet zu verausgaben: Frau Merkel wird weiterhin den Kurs des Staatsschiffes "Deutschland" bestimmen, egal, in welchem Verhältnis die Offiziere und Mannschaften aus nominell unterschiedlichen Lagern rekrutiert werden, ob zwei, vier oder gar sechs Parteien im Kabinett Merkel IV auf ihr Kommando hören werden (zum sechsten Rad am Wagen könnte in diesem Fall "Die Partei" werden - da die Piraten, wie es sich für eine Spaßpartei im #Neuland gehört, ihre Selbstversenkung schon vor diversen subjektiv gefühlten Ewigkeiten erfolgreich ins Werk besetzt haben). Das Zusammenstehen gegen den altbösen Feind, gekoppelt mit der eigenen kompletten inhaltlichen Entkernung aller satisfaktionsfähigen Parteiungen (nicht nur in der gegenwärtigen Krise Nr. 1, sondern schon in den beiden vorangegangenen Akten des Kollektivtrauerendspiels, übertitelt "Eurorettung" und "Energiewende"), läßt andere Erwartungen als so komplett realitätsenthoben erscheinen wie die Politik unserer gegenwärtigen (und zukünftigen) Regierung. Nur für den Fall, daß jene alt- (oder besser: neu-)bösen Kräfte ein Wahlergebnis jenseits der absoluten Mehrheit einfahren sollten und keinerlei elektive Affinitäten auf der hellen Seite der Macht ihnen ein wirksames "Expelliarmus" neutralisierend entgegensetzen könnten, wäre dies anders. Aber mit dieser Möglichkeit rechnet man wohl selbst im innersten Zirkel der Finsternis - wo man dem Vernehmen nach zumeist mit der Lektüre der Bücher II bis IV von John Miltons "Paradise Lost" (1667) beschäftigt ist - niemand ernsthaft. 

(Als Fußnote sei noch erwähnt, daß sich das Erscheinen von Miltons Epos - dem William Blake bekanntlich beschied he was of the Devil's party without knowing it - beim Londoner Verleger Samuel Simmons in diesem Jahr zum 350. Mal jährt.)

3. Januar 2017

Köln war sicher

Nun, jetzt ist Sylvester vorbei und man kann hoffen, dass dieses Jahr die Berichterstattung wohl etwas besserer Qualität sein dürfte als im vergangenen. Köln hat, so wie andere deutsche Großstädte auch, einen vergleichsweise friedlichen Jahreswechsel erlebt. Da macht es, gerade in Bezug auf die Prognosen, die auch in diesem Blog standen, durchaus Sinn zu diskutieren, warum es ruhig blieb. Und warum das trotzdem nicht viel Hoffnung auf die Zukunft macht.